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Volltext: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 1)

kleineren Doppelfenster mit Wimberg darüber zu dem Oratorium und 
dazwischen der zierliche, gothische Glockenthurm, rechts der grosse 
viereckige I-Iauptthurm, der Bergfried oder Wartthurm; links ein im 
Grundriss dreieckiger Thurm, der Nordwestthurm; also wieder, wie 
bei der vorspringenden Brüstungsmauer darunter, eine im Grunde 
symmetrische Anordnung, jedoch nur mit sozusagen unbewusst 
wirkender, zur Einheit bindender Gewalt, weil ausser der sym- 
metrischen Massenvertheilung alles Übrige nach grösster Mannig- 
faltigkeit gedacht ist, zum Beispiel: ein runder, ein dreieckiger, ein 
viereckiger, ein sechseckiger Thurm noch obendrein von denkbarster 
Verschiedenheit nach Grösse, Proportion, Einbindung in das übrige 
Mauerwerk, Dachbildung u. s. w. 
Sowie in diesen Grundzügen der Conception ist auch im Einzelnen 
mit unendlich feinem Kunstgefühle die grosse Regel alles künstlerischen 
Schaffens, nämlich: strengste Einheit bei möglichster Mannigfaltigkeit, 
in so mustergiltiger Weise verkörpert, dass man bei der Analyse 
dieses architektonischen Meisterstückes allzugeme länger verweilen 
möchte, wenn es die hier einzuhaltende Absicht, die Burg und ihre 
Schätze zunächst als Museum mittelalterlicher Kunst zu schildern, 
gestatten würde. Nur Eines sei noch kurz erwähnt: die Bindung zu 
einheitlicher Wirkung geschieht noch, ausser durch das gelungene 
Massengleichgewicht, durch wohlthuende Stetigkeit eines nicht geglie- 
derten kräftig wirkenden Quadermauerwerkes, ohne irgend welche 
Störung durch den architektonischen Schulkram von Lesenen, Strebe- 
pfeilern, Masswerken, Fialen und dergleichen. Auf dieser ruhigen 
Mauerfläche heben sich die günstig vertheilten reicheren Einzelheiten 
naturgemäss sehr wirksam ab. Es sind dies meist alte Originale oder 
Copien nach solchen und soll vorläufig nur auf Folgendes besonders 
aufmerksam gemacht werden: 
Die weithin sichtbare Kreuzgruppe unter dem grossen gothischen 
Musikchorfenster in überlebensgrossen Figuren stammt aus der 
Meraner Gegend und ist ein Werk ersten Ranges der alten Tiroler 
Plastik; die gründliche Anatomie und vortreffliche Proportion der 
Figuren, der schöne Faltenwurf und die virtuose Behandlung alles 
Technischen zeigen dies auf den ersten Blick. Geradezu sprechend 
ist der Gesichtsausdruck der drei Figuren, aber ganz besonders 
merkwürdig die ungewöhnliche Auffassung der beiden Schächer- 
figuren: der zur Rechten von Christus, der im letzten Augenblicke 
reuig in sich kehrt, hebt gnadeflehend, soweit es seine Fesselung 
gestattet, beide Arme in anbetender Stellung Hilfe erbittend gegen den 
Himmel. Seine Stellung ist die der antik-griechischen Adoranten, also
	        

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