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Volltext: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 1)

empündet. 
Nichts von alledem in der Figur des unbekannten Tiroler Meisters. 
Eine schöne Gestalt mit zwar unsymmetrischer, aber gleichfalls 
schöner Arm- und Handstellung und von einer so packenden Deut- 
lichkeit in dem Ausdrucke dessen, was dieser Mensch am Todesholze 
jetzt kalten Blutes denkt und sagt, dass es Einen kalt überläuft. Das 
ist kein gemeiner Mörder, das ist ein Mörder der eigenen Seele, des 
eigenen beseeligenden Glaubens an eine höhere Bestimmung des 
Menschen, an eine höhere Weltenordnung. 
Man hört ihn sprechen: 
„Du so grosser Gott! zeige jetzt, was Du kannst! Befreie Deinen 
eigenen Sohn jetzt von dem schmachvollen Marterholz! Zeige Dich 
allmächtig! Zeige Dich allgütigl Aber nicht wahr, Du kannst nicht, 
weil Du nicht willst, und Du willst nicht, weil Du nicht kannst, und so 
kannst Du auch mir den Himmel nicht spenden, weil Du nicht willst, 
uncl die Hölle nicht geben, weil Du nicht kannst." 
Solcher I-Iohn höllischer Verneinung liegt in dieser Figur. Dieser 
Sterbende ist die Personification des Unglaubens, der Verspottung 
aller menschlichen und göttlichen Weltordnung und dafür gibt es 
allerdings keine Gnade, keine Erlösung, auch nicht einmal in unmittel- 
barster Nähe des Weltenerlösers selbst, als dessen Leidens- und 
Sterbensgenosse. 
Wer solches unzweideutig und sofort sicher erkennbar zu sagen 
vermochte in einer holzgeschnitzten Figur, das war ein grosser 
Künstler, ein grosser Philosoph, und wenn es auch nur ein Tiroler 
Herrgottschnitzer, nur ein Bauemphilosoph war, so war es Einer, der 
in der Tiefe und Gewalt seines Fühlens, Denkens und auch Könnens 
hinanreichte bis an Dante und Michelangelo. Was sein Können an- 
belangt, so steht er beiläufig auf der I-Iöhe von Veit Stoss oder 
des gleichfalls noch unbekannten Schnitzmeisters des Pacher'schen 
St. Wolfgang-Altares. Ein solches Werk vor dem Untergang oder 
mindestens der Verschleppung gerettet zu haben, ist allein schon 
ein grosses Verdienst, umsomehr, da ihm hier ein so schöner Platz 
angewiesen ist. 
Die sehr gut dazu passenden Figuren von Maria und Johannes 
sind nicht von derselben Hand. Die gesammte Gruppe ist vor Regen 
und Schnee sicher geschützt durch ein mächtiges Vordach, dessen 
glasirte Ziegel vom Baseler Münster stammen, und zwar wahrschein- 
lich von dessen I 380 nach einem vorhergegangenen Brande erfolgter 
Neueindeckung.
	        

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