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Volltext: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 1)

Producten unserer Zeit - litterarische nicht ausgenommen, denn auch 
da spielte die photographische Wiedergabe ihre Rolle - einen ganz 
bestimmten Stempel aufdrückt. Man sehe illustrirte Zeitschriften der 
Fünfziger- und Sechziger-Jahre gegenüber den Leistungen unserer 
Tage an. Der Unterschied im Sehen und in der Wiedergabe des 
Gesehenen muss dem schlichtesten Verstande auffallen. Was für 
wesentlich andere Anschauungen über die Bewegungen von Mensch 
und Thier haben sich entwickelt gegenüber den früheren! Es sei nur 
an das eine Factum erinnert, dass manche neuere Reiterstatuen 
Bewegungen zeigen, die sich an der Hand fortlaufender Moment- 
aufnahmen, wie sie z. B. Anschütz machte, als durchaus falsch 
erwiesen, so dass wenn z. B. eine Schrittbewegung dargestellt werden 
sollte, sie in der That einen bestimmten Moment des Galoppes 
- freilich unfreiwilligerweise - darstelltf") So wenig nützlich die 
Photographie dem Unerfahrenen ist, der in erster Linie Zeichnen 
lernen sollte, ein so vortreffliches Erinnerungsmittel ist sie für den 
reifen Künstler geworden, der seine Erinnerung mit ihrer Hilfe 
wesentlich zu beleben imstande ist, sofern ihm nicht ein geradezu 
phänomenales Erinnerungsvermögen, wie es z. B. Böcklin besitzt, 
beschert wurde. 
Es wurde vorhin gesagt, die Anwendung photographischer Pro- 
ceduren gebe in manchem Falle trotz der Facsimile-Reproduction 
ein etwas abgeschwächtes Bild des Originals. Das ist in erster Linie 
da der Fall, wo tonige Zeichnungen in Tonwerte für Reproduction 
maschinell umgesetzt werden. Die manuelle Umsetzung, durch Holz- 
schnitt, erlaubt die Wiedergabe aller Tonwerte, vom tiefsten sammt- 
artigen Schwarz bis zum höchsten Licht. Das thut die Autotypie nicht, 
kann es nicht thun, aus rein technischen Gründen. Selbst ihr höchstes 
Licht bleibt, sofeme nicht geschabt wird, Ton; ihre Tiefen aber be- 
kommen nie die saftige Sattheit des mit Tusche oder Schwarz behan- 
delten Originals. Ähnlich verhält es sich mit der Heliogravure, die 
ohne manuelle Nachhilfe selten ganz gute Resultate liefert. Das sind 
Schattenseiten der Reproductionsverfahren, ohne Zweifel. Indes hat 
') Der Amerikaner Muybridge hat nach dieser Seite hin eine ganze Reihe antiker Momente 
untersucht. Durch seine Feststellungen an der Hand solcher Suiten von Momentphotographien ist 
dargethan, dass hier die Thierbewegungen durchwegs richtig aufgefasst sind. Er sagt in einem seiner 
Vorträge: „Von all den antiken Reiterüguren, die ich in Bezug auf die Richtigkeit des Bewegungs- 
mcrnents, zu controliren imstande war, hat sich keine als fehlerhaft erwiesen, ebenso wenig jene der 
grossen Renaissance-Meister, wogegen die neueren Reiterstandbilder in dieser Hinsicht fast durch- 
wegs grobe Fehler aufweisen. Das Reiterstandhild König Ludwig I. zu München z. B., das scheinbar 
eine ruhige Gangart des Pferdes zeigt, ist, wenn man der Sache auf den Leib rückt, eigentlich in einem 
Moment schärfster Carriere dargestellt - unfreiwillig, denn der Bildhauer wusste ganz einfach nicht, 
was er machte. Die beiden ruhig neben dem reitenden König hergehenden Pagen müssten, wenn sie 
wirklich Schritt mit dem Pferde halten wollten, rennen „wie besessen". Dies nur ein Beispiel. 
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