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Volltext: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 4 und 5)

feiner Stimmungsmensch, in seinen Fleischstudien als Geniesser der flüchtigen 
Farbenregung. Henri Martin lässt alles abendlich glühen, während bei Raifaelli 
das milde Pariser Tageslicht sichtbar weht, ja die Conturen zum Vibriren bringt, 
und selbst Dagnan-Bouverets feste Hand in seiner bretonischen Wallfahrerstudie 
die Luft zu haschen sucht. Aman-Jean, Wengel, selbstA. Berton (in zwei eleganten 
Deshabilles), der Abendlandschafter Pierre Lagarde, Alle pllegen das Lauschig- 
Unbestimmte, Lhennitte sogar am hellen Tage, in seinem köstlich papillotirenden 
Marktbilde. Bei den Deutschen tritt dieses atmosphärische Wesen nicht minder 
hervor, von Gotthard Kuehl („Vor der Schicht") bis zu Mackensens, des jungen 
Worpsweders, stillender Mutter, die lebensgross in ihre unfrohe Marschenluft 
gehüllt dasitzt. Max Klinger hat, nebst seinen lebenwimmelnden Randzeichnungen 
zu „Amor und Psyche", zum erstenmale ein Ölwerk nach Wien geschickt: nackte 
Schönheit auf der Düne ruhend, ganz ins Grosse gesehen und ein bedeutender 
Farbenton ertrotzt. Mehrere Stuck'sche Frauenköpfe wirken mit seinem sammtigen 
Schwarz, auch eine neue „Sünde" hat er geschickt, diesmal eine horizontale, in 
seinem bekannten Dreiklang. In blühender Farbe, die an Anders Zorns Jugend 
gemahnt, tritt der Münchner Fritz Erler stark hervor. Dettmann, Zügel, Kalkreuth 
fehlen nicht. Liebermann tritt stark auf mit einem wahren Durcheinander von 
Luftleben in einer grossen Allee und einer hellen Werkstatt, beides Öl. Unter den 
Belgiern intriguirt Fernand Khnopff, der reizende Räthselmaler, die Wiener bis 
zu einer wahren Kaufwuth. Es sind sogar grosse Ölbilder von ihm da, darunter 
die grosse Sphinx mit dem Gepardleib, und allerlei Plastik von unqualilicir- 
barem Reiz. Selbst jene blaue Säule, die in so vielen seiner Bilder vorkommt, hat 
er mitgeschickt, und das hellblaue Glaskrüglein darauf. Mit altväterischer Wucht 
tritt dagegen Laermans in seinem „Abend des Strike" auf, wo das Arbeiterschicksal 
in einem wahren Strom von Charaktertiguren vorüberzieht. Ein grosses Dreibild 
von Leon Frederic fasst dieses Schicksal in mehr Wiertz'scher Symbolik. Eine 
der bedeutendsten Erscheinungen ist der Alpinist Segantini, mit einer ganzen 
Sammlung neuerer und neuester Sachen. Die Wirkung seiner krystallklaren 
Höhenluft ist immer wieder von einer seltsamen Poesie, und seine noch eigen- 
thümlichere Art, einen fahlen Gesammtton aus dessen localfarbigen Elementen 
zusammenzustricheln, reizt den Sehnerv. Auffallend ist bei ihm ein lebensgrosses 
männliches Porträt mit Lampenbeleuchtung, das aus der ersten l-Iälüe des XVIII. 
Jahrhunderts sein könnte Auch sein allerjüngstes Bild („Ein Rosenblatt") ist da; 
es stellt ein rosiges Erwachen im mädchenhaften Bette dar. Reizvoll ist noch eine 
Reihe seiner leicht getonten bukolischen Zeichnungen, mit fein geführtem Lichte. 
Unter den Engländern und Amerikanern fallen besonders die Porträts auf. Einige 
weibliche Bildnisse von John W. Alexander, auf ungnindirte Leinwand gemalt, 
sind von schneidiger Eleganz und gleich originell in Farbenemplindung wie 
Vortrag. Englisch vornehm ist eine Dame in Weiss von Lavery. Der Bahnbrecher 
Whistler hat eine Sammlung in meisterhafter Handschrift hingeworfener Litho- 
graphien und Radirungen geschickt; desgleichen Shannon. Sargent („Fellah- 
mädchen", nackt in ganzer Figur) ist unvergleichlich in der knappen, sicheren 
Modellirung eines braun-in-braunen Fleischtones. Neu für Wien sind die brillanten 
Thierstudien von Swan; auch plastische. Die rembrandtbraunen Londoner 
Stimmungen Muhrmanns, die verwaschenen Gobelintöne Walton'scher Land- 
schaften, die submarine Grünlichkeit Fowlers und die orientalischen Teppichfarben 
Brangwyns bringen vier ganz verschiedene Colorismen zur Anschauung. Dabei
	        

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