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Volltext: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 6)

Erreichte in die Schanze schlug und die Schönheit auf einem Gebiete 
suchte, wo sie bishin niemand gesucht hatte, dass er einen ganz neuen 
Weg betrat, auf dem ihn keinerlei Ermuthigung oder Sympathie 
begleitete. Bewunderungswürdig ist die unbeugsame Energie, mit der er 
das einmal gesteckte Ziel verfolgte, bis der volle Erfolg sich an seine 
Sohlen heftete. Selten wird man einen so tiefen Eindruck empfangen, 
wie in dem Saale der 1897er Ausstellung in Dresden, in der mehr als 
sechzig Bilder und Bildwerke das gesammte, einzig der Schilderung 
der Arbeit gewidmete Werk Meuniers darboten. Es war einzig und 
unvergesslich. Wie unheimlich wirkten diese Landschaftsbilder in der 
Melancholie ihres stumpfen Grau und Grün, mit den rauchenden 
Essen, den öden Schlackenhaufen, den finsteren, phantastisch auf- 
ragenden Gerüsten, mit dem Feuerschein der Hochöfen, dem Getriebe 
der Hämmer und Räder! Und wie ernst und grossartig wirkten ander- 
seits diese Männer der Arbeit, die Meunier vor unsere Augen hinge- 
stellt hatte! Denken wir an Zolas „Germinal" zurück, ein Buch, das 
sicherlich jeder mit tiefer Erschütterung aus der Hand gelegt hat, ein 
Buch, das auch die Zeiten überdauern wird, wie der Don Quixote 
oder der Simplicissimus. Trostlose Wirklichkeit ohne einen Strahl der 
Hoffnung! Wie anders Meunier! Er sah nicht nur den trüben Stumpf- 
sinn, den Hunger, das Elend, die Gier, den Rachedurst, den wilden 
Kampf, die Bestie im Menschen. Er sah auch im Arbeiter die 
plastische Schönheit, er sah das Erhabene in dem mühseligen Kampf 
der Menschenhand gegen die Naturgewalten, in der gewaltigen 
Bethätigung der Menschenkraft im Dienste der Industrie. Er sah auch 
in diesen niedrigen Menschen noch den Funken der Göttlichkeit; 
tiefstes Mitleid führte seine Hand, als er sie nachbildete, echte 
Menschenliebe, die Hochachtung, die auch dem Geringsten gebürt, 
und der künstlerische Blick, der zum Innersten vorzudringen vermag, 
mag auch die Schale noch so unscheinbar oder gar widerwärtig sein. 
So treten uns in Meuniers plastischen Gestalten der Arbeiter wahre 
Helden der Arbeit entgegen und eine wahrhaft antike Grösse beseelt sie. 
Nicht als ob Meunier den Charakter seiner Modelle verändert, 
verfälscht hätte; nein, er hat nur den Kern aus dem Unwesentlichen 
herausgeschält; er hat alles Kleinliche, alles Anekdotenhafte abge- 
streift; er vereinfacht die Wirklichkeit, er steigert sie zur Grösse, 
erhebt sie zum Typus. Fast bei jedem seiner Bildwerke muss man an 
das aristotelische Idealstandbild denken. Aber diese Typik fällt 
nirgends ins Conventionelle und Schablonenhafte. Für jede Gattung 
der verschiedenartigen Arbeiter hat Meunier, indem er die wesent- 
lichen Züge zusammenfasste, den besonderen Typus ersehen, aus
	        

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