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Volltext: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 6)

Seiten des massiven Unterbaues schmücken. Über dieses noch im 
Entstehen begriffene Werk schreibt Meunier an Georg Treu (a. a. O. 
S. I8): „Die Hauptgruppe, die mein Denkmal der Arbeit krönen soll, 
hat mehrere Abänderungen erfahren. Immer auf der Suche nach einer 
grossen decorativen Linie, denke ich sie endlich seit einigen Tagen 
gefunden und festgehalten zu haben. Das Thema ist Friede und 
Fruchtbarkeit, dargestellt zunächst durch eine Mannesgestalt, welche 
mit einer grossen Handbewegung den Samen auf die Erde hinstreut, 
um sie zu befruchten. Dann zwei Gestalten: eine starke Frau, eine 
Tochter der Erde, die ihr Kind am Busen hält und ein zweiter Mann, 
der Früchte der Erde erntet. Ich bin noch nicht schlüssig über die 
Gestalten, die auf die Ecken des grossen Unterbaues zu stehen 
kommen. Ich fürchte nur, dass das Ganze zu umfanglich werde. Die 
vier Gestalten werden natürlich den verschiedenen Zweigen der 
Arbeit entlehnt sein: Schmied, Lastträger, Bauer, Bergarbeiter, Typen, 
die ich schon besitze. Ich denke im nächsten Jahre den grossen Gips- 
abguss des Gesammtwerkes auszustellen. . . Aber das ist eine sehr 
kostspielige Sache und eine Arbeit von mehreren Jahren." 
Es ist bezeichnend für Meuniers grosse und echt künstlerische 
Denkweise, dass er dieses gewaltige Werk nur aus eigenem Antriebe, 
ohne Auftrag und ohne jede Unterstützung unternommen und bisher 
gefördert hat. Doch unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass der 
belgische Staat es als eine Ehrenpilicht betrachten wird, dieses 
Denkmal unter seine Fittiche zu nehmen. Ist es doch ein vater- 
ländisches Werk im eminenten Sinne, ein Kunstwerk, das wie kein 
zweites gerade bedeutsame Gedanken unserer Zeit wiederspiegelt, 
ein Werk, das einer der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart, der 
Versöhnung der socialen Gegensätze durch die künstlerische Würdi- 
gung der Bedeutsamkeit der Arbeit, monumentalen Ausdruck leihen 
wird. Wenn aber das gesammte Werk Meuniers aus seiner zweiten 
Schaffensperiode aus der gleichen ethischen Wurzel entspringt, so hat 
es doch nichts mit jener Tendenzkunst zu thun, die ihre vergänglichen 
Scheinerfolge nur aus einer gerade zeitgemässen Idee nimmt. Vielmehr 
reiht ihn die vollendete künstlerische Durchbildung der zeitgemässen 
Idee in Bildern wie in Bildwerken ein in die Reihe der ersten Künstler 
aller Zeiten, die dastehen als Marksteine der Entwicklung. Seine 
ernste männliche Kunst erhebt die Seele und erfreut das Auge. Vielen 
ansprechenden und erfreulichen, auch bedeutsamen Kunstwerken sind 
wir wohl schon begegnet, aber die Bekanntschaft mit Constantin 
Meuniers Gemälden und Bildwerken ist ein Ereignis von unver- 
gänglichem Eindruck in unserem Leben.
	        

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