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Volltext: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 6)

grössten Künstler unserer Tage? Böcklin, Menzel, Klinger, Puvis de 
Chavannes, Watts, Meunier. Welchem von diesen Künstlern aber 
fällt es wohl ein, die Natur wahllos und unverändert wiederzugeben? 
Nein, die wahre, reife Kunst beginnt erst dann, wenn der Geist die 
Form beherrscht. Den Stümper kennzeichnet, dass sein Geist der 
Form nicht mächtig ist, den Routinier, dem die Menge Beifall spendet, 
dass die Form den Geist beherrscht, den wahren Künstler, dass der 
Geist über die Form souverän gebietet. Ein solcher ist Constantin 
Meunier, und es steht nicht im Widerspruch hiermit, wenn er, der 
begeisterte Bewunderer der Antike, das unausgesetzte Studium der 
Natur fiir ganz unerlässlich erachtet. In beiden Beziehungen steht er 
Donatello nahe. 
Meunier ist einer der grossen Entdecker auf dem Gebiete der 
Kunst, wie es in unseren Tagen vor ihm Millet war, von dem Ludwig 
Pfau sagte: „Seine ungefügen Gesellen werden noch mit Gold aufge- 
wogen werden, wenn die dynastischen Prunkgemälde, die ausge- 
höhlten I-Ieiligenbilder und die geschichtsphilosophischen Hampel- 
männer so mancher jetzt gepriesenen Meister längst in die Rumpel- 
kammer gewandert sind. Weder Götter noch Könige werden vor 
diesen Bauern bestehen! Das ist eben das Recht der Kunst: sie 
verewigt, was sie will." Die Kunst Meuniers aber verewigt die 
Arbeit und Meuniers Arbeiter werden neben Millets Bauern als 
Grossthaten echter Kunst und charakteristische Erzeugnisse gerade 
unserer Zeit die Zeiten überdauern. Noch niemals vor Meunier ist der 
Arbeiter als ein würdiger Gegenstand der hohen Kunst erachtet 
worden; noch nie vor unserer Zeit ist allerdings auch der Arbeiter 
ein so bedeutender Mitstreiter im Lebenskampfe gewesen, wie jetzt. 
Unsere Zeit hat zum erstenmale in der Weltgeschichte den ehernen 
Schritt der Arbeiterbataillone gehört. Zwar steht Meunier in der 
Gegenwart nicht allein in der Hereinziehung des Arbeiters in die 
künstlerische Darstellung der Gegenwart oder der jüngsten Vergan- 
genheit. Die Namen Gerhard Hauptmann, Zola, Menzel, Laennans 
werden uns alsbald gegenwärtig; wir denken an „Die Weber", an 
„GerminalK-an das „Eisenwalzwer " und „die schlafenden Maurer", 
an den „Zug der strikenden Arbeiter" und das „Abendgebet beim 
Ertönen der Vesper". Den Schöpfern aller dieser Werke steht 
Meunier gesondert gegenüber, denn er allein sah im Arbeiter nicht 
bloss den Sclaven des Capitals, der sich im gewaltigen Kampfe gegen 
seine Bedrücker erhebt, oder den Arbeiter als Theil eines Gesammt- 
bildes gewaltiger Arbeit oder gar als Herdenmenschen, der nur in der 
fanatisirten Masse wirkt, nein, Meunier entdeckte die Grösse, den
	        

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