MAK

Volltext: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 7)

schüchtern tritt sie auf. Was in Deutschland und Österreich auf diesem 
Gebiete neuestens geleistet wird, lehnt sich noch immer vorwiegend an 
alte deutsche oder moderne englische Vorbilder an. Nur wenige Künstler 
haben sich schon selbst gefunden. Aber dass doch überhaupt wieder 
Künstler mitreden, sich des Buches annehmen und es nicht unter ihrer 
Würde halten, Einbände, Vorsatzpapiere, Exlibris u. s. f. zu zeichnen, 
ist schon ein erfreuliches und vielverheissendes Zeichen der Besserung. 
Damit reiht sich die jüngste Zeit einer lang verflogenen, ruhmvolleren 
Vergangenheit an, vielfach ihr ähnelnd, weit mehr noch von ihr 
verschieden und doch unfähig, über das hinauszugehen, was jene 
glanzvollen Tage der Kunsteinheit schufen. 
Diesen inneren Zusammenhang, die geistige Entwicklung des 
Buches als Kunstwerkes vom frühesten Mittelalter bis in unsere ganz 
„moderne" Zeit darzulegen, war der Zweck der Brünner Buchaus- 
stellung. Sie sollte in erster Linie unserem heutigen Schaffen ein 
Ansporn sein. Sie sollte nur durch die Schönheit und Originalität 
aneifern, nicht durch die Masse verwirren. Typen sollte sie vorführen, 
die künstlerische Einheit jeder Epoche laut predigen, nach der wir 
wieder ringen müssen. 
Da es galt, zunächst die Entwicklung des Schriftwesens zu zeigen, 
durfte die - streng genommen über den Begriff einer Buchausstellung 
hinausgehende - Urkunde nicht fehlen. Zur Urkunde aber gehört das 
Siegel wie das Amen ins Gebet. Sie beide zeigten sich in einer Reihe 
ausgewählter Beispiele von vorwiegend localhistorischem Interesse. 
Wie sich aus der Urkunde das kalligraphische Kunstwerk 
entwickelt, erwiesen Geburts- und Wappenbriefe, Diplome und Lehr- 
briefe, Zunftartikel und Meisterbücher, darunter das interessante, mit 
zahlreichen Bildern geschmückte Buch der Grazer Bäckerinnung. 
Das älteste Schriftstück auf der Ausstellung jedoch war ein dem 
Kloster Admont gehöriges Bibelfragment, ein Blatt aus dem Propheten 
Jeremias, vom 8. Jahrhundert. Daran schloss sich die lange Reihe der 
mittelalterlichen Handschriften und Miniaturwerke, beginnend mit den 
bekannten Admonter und Obrowitzer Evangeliarien aus dem X., be- 
ziehungsweise XI. Jahrhundert, bis zu den bereits völlig zu Gemälden 
ausgereiften Buchmalereien des XVI. Jahrhunderts. Ein köstlicher 
Jubelgesang naiver, aus der Volksseele herausgewachsener Gestal- 
tungskraft, ein Bild wogenden und kämpfenden Ringens nach dem 
Urquell aller Kunst, der Natur, ein Farbenzauber, duftig und doch 
kraftstrotzend, wie nur der Frühling ihn kennt. 
Nicht blos auf den Künstler und Forscher, auch auf das mit 
gemischten Empfindungen und etwas unklaren Vorstellungen in die
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.