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Inhaltsverzeichnis: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 201 und 202)

gerjahren. Die Identifikation mit Maulbertsch basiert 
nicht nur auf der physiognomischen Ähnlichkeit, 
obwohl diese überzeugend ist. Sie beruht auch auf dem 
Kolorit.besonders im offenen Kragen und indem blauen 
Rock mit den für ihn typischen Weißhöhungen. Die 
Hand des Porträtierten verdient auch besondere 
Beachtung (Abb. 6). Sie ist in einerfreieren. lockeren Art 
gemalt als das Gesicht, sie war wahrscheinlich nicht 
Ergebnis der genauen Beobachtung im Spiegel. In der 
Tat legt ihre Stellung im Bild die Ansicht nahe, daß sie 
überhaupt ohne Hilfe des Spiegels gemalt wurde. Der 
junge Maler mischt seine Farben auf der Palette. deren 
oberer Rand an der Unterkante des Bildes zu sehen ist. 
Bemerkenswert ist auch die Art, wie der Pinsel gehalten 
wird: mit zwei Fingern, wobei der kleine Finger in einer 
fast affektierten Weise abgespreizt ist - ebenso wie 
der alte Maulbertsch seine Hand mit dem Pinsel im spä- 
ten Selbstporträt malte (Fig. 1), obwohl das dort in einer 
so summarischen und skizzenhatten Artgeschieht, daß 
es aussieht wie eine expressionislisch gemalte Hand, 
etwa von Soutine. Aber - wie man sieht - der Pinsel 
wird von zwei Fingern gehalten und der kleine wegge- 
streckt wie in dem neu gefundenen Jugendporträt. 
Wann dieses neue Selbstbildnis gemalt worden ist, muß 
offenbleiben. Es ist nicht datiert, aberaus seiner genau- 
eren Betrachtung kann man gewisse Schlüsse ziehen. 
Die Züge sinddie eines sehriungen Mannes, das maleri- 
sche Können. besonders die Behandlung der Hand, läßt 
an den freien. lockeren Malstil denken, der für seine 
Frühzeittypisch ist, obwohl das Gesichttschließlich die 
Hauptsache) mit glatten Pinselstrichen sorgfältig 
durchmodelliert ist. Für einen jungen Maler schon an 
sich eine große Leistung. Trotz der Gefahr einer viel- 
leichtzu subjektiven Interpretation möchte ich aus dem 
Ausdruck dieses Jugendportrats Anhaltspunkte für 
seine Datierung gewinnen. Es ist das Gesicht eines auf 
sich selbst vertrauenden Menschen, der hinunterblickt 
(eine Pose, die vielleicht durch den Spiegel bedingt ist) 
und fast frech, oder besser: mutig dreinblickt - das 
Gesicht eines jungen Mannes, der schon mit 15 Jahren 
sein Vaterhaus in Langenargen verließ, vielleicht hinauf 
nach Ulm ging, um dann mit einer Ulmer Schachtel die 
Donau hinunterzufahren nach der großen kaiserlichen 
Haupt- und Ftesidenzstadt Wien, wo er viel von Van Roy 
lernte und an der Malerakademie bei Troger und Mildor- 
fer studierte. Seine künstlerische Tätigkeit in den Jah- 
ren 1745 - 49, als die Akademie während des Österrei- 
chischen Erbfolgekrieges geschlossen war, ist uns fast 
unbekannt. Wir wissen nur, daß er noch als Student am 
15. August 1745 in der Pfarrkirche zum hl. Michael in 
Fischamend Barbara Schmidtin, die 24jährige Tochter 
eines Baders zu Vösendorf, Johannes Schmidt, heira- 
tete, mit der er dann fast 35 Jahre in kinderloser Ehe 
zusammenlebte. Erging an die Akademiezurück, als sie 
wiedereröffnetwurde, und seine Fähigkeiten waren mit 
26 Jahren schon so groß, daß er mit seinem Gemälde 
"Die Akademie mit ihren Attributen bey den Füßen 
Minervensr 1750 den 1. Preis erhielt und damit akade- 
mischer Maler wurde, 1759 wurde er ordentliches Mit- 
glied der Akademief ln den späten vierziger oder frü- 
hen fünfziger Jahren muß Maulbertsch sein Selbstpor- 
trät gemalt haben, das ihn sowohl selbstbewußt, als 
auch - vielleicht unbewußt - als arrivierten Maler in 
der kaiserlichen Residenzstadt zeigt. Es ist das sympa- 
thische Gesicht eines jungen Malers voll Vertrauen in 
das eigene Können, zur Zeit als er seine Arbeit für die 
Piaristen begann, die in seinem ersten großen Fresko 
auftrag für die Decke der Kirche Maria Treu zwischen 
1752 und 53 kulminierte - eine unerhörte Leistung für 
einen Maler seines Alters. der in der Verherrlichung 
Mariens durch das Alte und Neue Testament gewisser- 
maßen auch seine eigene Glorie der Nachwelt hinter- 
ließ? Etwas vorn unerschrockenen. sich selbst vertrau- 
enden. um nicht zu sagen übermütigen Charaktereines 
jungen Mannes, der alles zu wagen bereit ist, spricht 
aus diesem Porträt. 
Wofür das Porträt gemalt worden war, ist auch unbe- 
kannt. DieTatsachedaß es aus derKonstanzerGegend 
auf uns zukommt, läßt vermuten, daß Maulbertsch es 
vielleicht für seine Familie in Langenargen gemalt und 
dorthin geschickt hat, ehe er seine verwitwete Mutter 
und zwei verwaiste Schwestern nach dem Tod des 
Vaters am 20. Mai 1748 zu sich nach Wien kommen ließ. 
was anscheinend schon vor 1750 geschah. Vielleicht 
hat seine Mutter es bei dieser Gelegenheit einem Mit- 
glied der Familie Thumb gegeben, von dem. der In- 
schrift auf der Rückseite des Porträts nach, das Bild 
später erworben wurde. 
Solche Ergänzungen zu Maulbertschs Werk sind nicht 
nur an sich wichtig. sie lassen auch viele Probleme sei- 
nes Oeuvres neu sehen. Das hier vorgestellte frühe 
Selbstporträt, meisterhaft in Form und Farbe und in der 
Genauigkeit des physiognomischen Details. ist so sou- 
verän in der Definition der Form und in der Behandlung 
der Farbe, daß man an manchen Bildern zu zweifeln 
beginnt, die heute als seine frühesten Werke angese- 
hen werden. Sicherlich malen alle Künstler in einem 
Selbstporträt anders als in vielfigurigen Kompositionen 
und besonders den Skizzen dazu, doch dergroße Unter- 
schied zwischen dem Porträt und manchen von den 
Frühwerken verlangt eine genauere Untersuchung? 
Die Bereicherung unserer Kenntnisse von Maul- 
bertschs Frühzeit und seinem Talent als Porlrätist, die 
die Entdeckung von diesem Bild bedeutet, ist beacht- 
lich. Sie beleuchtet sozusagen diese so wichtige 
Periode im Leben des Malers, worüberwirwirklich allzu 
wenig wissen. Sie bietet uns auch einen Maßstab - 
einen absoluten - womit man die oft ziemlich fragwür- 
digen Frühwerke, die man ihm zugeschrieben hat, ver- 
gleichen kann. Letztens stellt sie die Frage: wenn Maul- 
bertsch solch ein ausgezeichneter Porträtist war, wo 
sinddieanderen Bilder, dieerbestlmmtwährend seines 
langen Lebens gemalt hat? Obwohl er im Hauptberuf 
Freskant war - ein Kirchen- und Historienmaler -, 
hatte er klarerweise das Talent und die Fähigkeit und 
sicher auch die Gelegenheit, um ab und zu Porträts zu 
malen. Sie sind nicht vorhanden. Dasselbe dürfte man 
auch von den Stilleben und Blumenstücken sagen, die 
zu malen erebenfalls fähig war, wenn man an die präch- 
tigen Beispiele solcher Malerei denkt, die man in dem 
Kirchstettener Deckenbiid, auch ein Frühwerk. sehen 
kann. Das völlig unenuartele Erscheinen des Jugend- 
selbstbildnisses läßt hoffen. daß auch solche Bildervon 
ihm eines Tages ans Licht kommen werden. 
 
8 DielnschriftaufderRückseitedesSelbstbildnissesinjungen 
Jahren (Abb. 1. 2). Ausschnitt 
Anmerkungen 4 - 7 
' Die Informationen über Maulbertschs Leben stammen hauptsächlich 
von Haberdilzl und von Klara Garas. Franz Anlon Maulbeüscrl 1724 NS 
1796. Arnallriea-Verlag, Wien 1960, urld Klara Garas. FranzAnlon Maul- 
bensch, Leben und Werk. Verlag Galerie Welz. Salzburg 1974. 
1 Siehe die schöne Beschreibung in Hzberdllll. s. lls tl 
' Wiezurri Beispiel Bruno Bushart in einem Brief vom 2a l 1985 - . wer 
in jungen Jahren so meisterlich mit Form und Farbe umzugehen ver- 
steht, kann die Vieler! Unherlollenheitsn, die in den angeblichen Früh- 
werken zulagelreien. nicht verbrochen haben , . .- 
1 Für kollegiale Hilfe und ihre Meinungen über das neuenldeckte Selbst- 
panrax mochte ich Frau Dr, Gertrude Aurenllammer. w Hotrat DlrSk- 
tor a. D. Dr, Hans Aurerlhammer. Wien, und Prof. Dr, Bruno Busharl. 
Augsburg, herzlich danken,
	        

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