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Volltext: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 9)

sich in eine bewusste Opposition zur Vergangenheit zu setzen. Ja, man 
bildete sich ein, dass die Schnörkel des Rococo eine geistreichere 
Renaissance seien. Man fühlte sich als Enkel und stand nicht an, den 
Grosseltern alle Schuldige Reverenz zu erweisen. Herr Androphilus 
gibt sich sogar Mühe, nach Dingen Umschau zu halten, die er mit 
ehrlicher Begeisterung für wirklich schön erklären kann. Und er findet 
auch solche Dinge: „Die vortrefflichen Brunnen, welche man hie und 
da auf den Plätzen siehet, dergleichen an Schönheit und Kostbarkeit 
wohl wenige anzutreffen, weil sie alle springend und den Fontainen 
gleichkommen, sind mehrentheils mit grossen eisernen Gegittem 
künstlich ausgearbeitet und umzüngelt." Die köstlichen Dome mit 
ihrem reichen Inhalt, die malerischen Erker, die vornehmen Höfe der 
Reichen sieht er nicht, aber dass die Brunnen springen gleich den 
Fontainen, das entzückt sein Herz und mag in seinen Gedanken die 
Erinnerung an Versailles und seine Wasserkünste wecken. Wie 
anders klingt es, wenn I5 Jahre später Jonas G. Keyssler in seinen 
„Neuesten Reisen durch Deutschland, Böhmen, Ungarn etc." schreibt: 
„Die Stadt ist wohlgebaut, indessen aber doch mit keinen solchen 
Privathäusern versehen, welche den Namen von Palästen verdienen." 
Wie kühl, wie kritisch, wie voreingenommen klingt das. Wir glauben 
schon zwischen den Zeilen so etwas wie eine Ablehnung des künst- 
lerischen Charakters der Stadt Nürnberg zu lesen. Die Reflexionen 
der Zeit über ästhetische Probleme haben das kritische Vermögen 
geweckt, aber haben noch keine festen Masstäbe in die I-Iand gegeben. 
So erscheinen die Leistungen der eigenen Zeit relativ immer noch die 
besten. Keyssler schreibt: „Die sog. neue Kirche (Egydienkirche) ist 
die schönste in der Stadt, fast oval gebaut, in Ansehung ihrer Länge 
aber nicht hoch genug. Die St. Sebalduskirche ist lang und dabei 
finster." Das Urtheil erklärt sich, wenn man hört, dass die Egydien- 
kirche in den Jahren x71 I bis I7r8 erbaut wurde, die St. Sebalduskirche 
aber im XIII. Jahrhundert. 
Die Negation der Zeit ging noch weiter. Als Sulzer, der später 
die „Allgemeine Theorie der schönen Künste" herausgab, im Jahre 
1750 mit dem jungen Klopstock Nürnberg besuchte, da schrieb er: 
„Gemeine Reisende wissen in Nürnberg sehr viel Merkwürdiges zu 
finden, wir fanden nichts; und dieses soll uns, wie ich hoffe, zur 
grösseren Ehre gereichen als wenn wir Keysslern mit unserer 
Beschreibung übertroffen hätten. Denn sich da nicht umsehen, wo 
alle anderen ein rechtes Element ihrer Neugier finden, ist doch auch 
für etwas zu achten." Fühlt man nicht aus diesen Worten heraus, 
dass der Schreiber - ein kaum dreissiähriger Professor der Berliner
	        

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