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Volltext: Monatszeitschrift III (1900 / Heft 5)

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verhalf, so hat die Grösse und Vielseitigkeit, das Genie Van Dycks dem 
jungen ungarischen Maler zur Klarheit über seine Ziele verholfen. 
Die Wendung zur Einfachheit hatte sich jedoch, wie erwähnt, schon 
früher bei ihm gezeigt, am stärksten in dem Porträt des deutschen Reichs- 
kanzlers. Dieser zartgebaute, 
alte Mann, der auf der Strasse 
so schlicht und unbemerkt an 
einem vorbeigeht, hat zwei 
grosse körperliche Schön- 
heiten: ein scharfgeschnittenes 
Profil und ein paar prachtvoll 
blaue, räthselhafte Augen. Der 
erstere Vorzug ist Lenbach 
wichtiger erschienen und so 
hat er sein Porträt vom Profil 
aufgenommen; es ist ein 
müdes, altes Faltengesicht 
daraus geworden. Laszlö hat 
dem Mann in die Augen ge- 
sehen - und was für ein 
Kunstwerk ist aus diesem 
Porträt geworden! Weit 
hinaus über die Interessen 
dieses Lebens und des neuen 
deutschen Reiches blickt der 
alte Mann in die Ewigkeit, 
in das Nirwana, in - ja das 
weiss niemand zu ergründen, 
__ _, was diese Augen suchen, so 
F. E. Läszlö, Erbprinzessin Cbarlcme von Meiningen tief und SO ungewöhnlich 81'- 
scheinen sie. Dabei hebt sich 
der scharf geschnittene Kopf unvergleichlich plastisch von dem dunklen 
Hintergrund. Ausser dem Blau der Augensterne ist nur eine helle Farbe 
aufgesetzt, das starke Gelb des Ordensbandes auf der Brust. 
Laszlös spätere Porträts stehen ruhig da, ohne Coquetterie, ohne Lächeln, 
ohne Hingabe; lieber malt er sie steif und kalt, ohne Contact mit dem Beschauer, 
über den sie vornehm gleichgiltig hinwegsehen. Das muss jedem Besucher 
der diesjährigen Ausstellung im Künstlerhaus auffallen. Die drei Bilder im 
ersten Stock, das der Gräfin Aglaja Kinsky, des Fürsten und der Fürstin 
Fürstenberg, haben alle diese Kälte des Temperaments, die mit der Wärme 
des Farbentones seltsam contrastirt. Wenn Laszlo, wie man es ihm oft vor- 
geworfen hat und in beschränkter Consequenz noch thut, ein Schönmaler 
wäre, ein Porträtist, der den Modellen schmeichelt, sie so darstellt, wie sie 
gerne aussehen möchten, dann hätte er bei diesen bekannten Wiener Schön- 
 
	        

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