MAK

Volltext: Monatszeitschrift II (1899 / Heft 12)

Schema gefügt, die eisernen Gitterpförtchen reizend erfunden; 
der hölzerne Rahmen sogar, in dem die obligate „Anweisung 
zur Bedienung der Niederdruck-Dampfheizung J. L. Bacon", ein 
gewöhnliches Druckblatt, hinter Glas geschoben ist, hat seine feine, 
wenngleich nicht über die Bedeutung der Örtlichkeit hinauswollende 
Durchbildung. 
Überhaupt vermeidet es jedes Ding, nach mehr aussehen zu 
wollen, als es ist. So etwa die Verkleidungen der Heizkörper in allen 
Zimmern; sie geben sich keineswegs das Ansehen von geschnitzten 
Truhen, Blumenarrangements u. dgl., wie dies wohl in anderen 
Häusern der Fall, sondern sie bekennen sich offen als „Bekleidungen 
von Heizkörpem", aber als gute, elegante, die in eine solche Einrichtung 
hineinpassen. Sogar die Accumulatoren im Pumpenhause haben so 
ihre eigens erfundene Holzverkleidung. Der Briefkasten des Hauses 
ist ein kleines Cabinetstück von Holz und Metall, aber er würde wohl 
in der ersten Nacht gestohlen, wenn man ihn draussen anbrächte. 
Und an den meisten Thüren des Hauses sieht man eine hübsche Tafel 
mit der Inschrift: „Leise zumachen!" So ist bei dieser Einrichtung 
einfach an alles gedacht. 
Dieser Olbrich'sche Villenbau ist für die Entwicklung des Wiener 
Privatbaues ohne Zweifel von grösster Wichtigkeit. Er beweist 
schlagend, dass man abseits aller herrschenden Überlieferung einen 
reinen Bedürfnisbau sehr complicirter Art in einem Grade zweck- 
gerecht und gefällig durchführen kann, wie dies bei aller Sicherheit 
der landläufigen Routine kaum jemals erreicht wird. 
Leider kann man so ein Haus nicht als Ganzes in eine Aus- 
stellung stellen. Aber wer es besucht, sei's auch mit gegentheiligen 
Anschauungen, verlässt es eigenthümlich erfrischt und vermuthlich 
gewonnen. Dass es keine mechanische Gewohnheitsleistung ist, 
sondern in jeder Faser das Denken und Fühlen eines hochbegabten 
Mitmenschen verräth, dabei aber auch das trauliche Innenleben 
einer Familie wie im Naturselbstdruck wiederspiegelt, das macht 
es so ungemein suggestiv. 
Es berührt das Gemüth, obgleich es den Verstand beschäftigt. 
Man glaubt es mit dem Kopfe zu kritisiren und hat es schliesslich 
mit dem Herzen beurtheilt. In den nächsten Jahren wird in „Wien 
und Umgebungen" wohl manches Heim dieser Art entstehen. An 
Nachempfindern fehlt es uns ja nicht. Es fehlt uns nur an dem 
einen Olbrich, der das nächstemal an anderem Orte, für andere 
Menschen, wieder etwas Anderes machen wird.
	        

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