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Volltext: Monatszeitschrift II (1899 / Heft 11)

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ZUR RENOVIRUNG ALTER BAUDENK- 
MALESMVON KARL MAYREDER-WIENSIP 
S war in der Stiftskirche zu Neuberg in 
Steiermark. Das ist eine schöne gothische 
I-Iallenkirche, die eine Fülle von Werken 
kirchlicher Kunst in sich birgt. Ein reich- 
geschnitzter Hochaltar in den Formen der 
a deutschen Spätrenaissance beherrscht mit 
,  seinem matten Goldschimmer das Mittel- 
schiff, während imposante Barockaltäre 
die Seitenschiffe abschliessen. An die 
schlanken, zart profilirten Pfeiler lehnen 
sich ausser einer feinen Kanzel mehrere kleine Altäre, jeder das 
Geschenk einer anderen Zeit. Auch an den Wänden stehen solche 
Altäre und zwischen ihnen bilden aufgerichtete steinerne Grabtafeln 
mit Bildnissen der Stiftsäbte eine ernste Reihe. Verschieden gerahmte 
Malereien, die bis zum Jahre 1500 zurückreichen, sowie mancherlei 
geschnitztes Mobiliar vervollständigen den Schmuck der Kirche. Alles, 
was das Auge in der weiträumigen, lichtdurchflossenen Halle erblickt, 
spricht ein Stück Weltgeschichte, spricht aber auch ein Stück Kunst- 
geschichte von der Gothik bis auf heute. So hat hier alles Stimmung, 
alles den Reiz des langsam Gewachsenen, durch die Jahrhunderte 
Gewordenen. 
Die Kirche war leer und ich studirte gerade den vornehm orna- 
mentirten Barockaltar mit der anmuthigen Figur der heiligen Barbara. 
Da trat der Messner auf mich zu und fragte mich, ob mir denn dieser 
Altar gefalle? Und als ich seine Frage bejahte, meinte er achsel- 
zuckend: „Mag sein, dass das schön ist, aber es gehört doch nicht 
in eine gothische Kirche. Übrigens," fügte er mit beruhigender Miene 
hinzu, „im nächsten Jahre wird ja die Kirche ohnedies renovirt." 
Ich weiss nicht, was die „massgebenden Factoren" über die 
 
Renovirung der Neuberger Stiftskirche beschlossen haben; ich weiss ' 
nicht, ob sie einen Theil oder alle nichtgothischen Kunstwerke aus 
der Kirche entfernen wollen. Sicher ist, dass der Messner s_ein Urtheil: 
„das gehört nicht in eine gothische Kirche" nicht aus sich selbst 
geschöpft hat, und dass dieses Urtheil für die Meinung vieler mass- 
gehender Factoren noch heute symptornatisch ist. 
Diese Meinung entspringt dem Wunsche nach „Stilreinheit". 
Der Begriff der alles Fremde ausschliessenden Stilreinheit besteht 
erst so lange, als wir keinen eigenen Stil mehr besitzen. Frühere
	        

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