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Volltext: Monatszeitschrift III (1900 / Heft 6)

als wären sie vor seinen Augen vorbeigezogen, 
„barhaupt und barfuss, den Strick um den 
Hals, die Schlüssel der Stadt und des Castells 
in den Händen". Anstatt sie so zu zeigen, 
wie es auch der nächstbeste, von akademi- 
schen Anschauungen durchdrungene Bild- 
hauer gethan hätte: in conventioneller Weise, 
in mehr oder weniger melodramatischen 
Posen, auf einem hohen Postament gruppirt, 
hatte er zuerst, um die Scene in strengerer 
Wahrheit zu erfassen und das Ergreifende 
noch stärker zum Ausdruck zu bringen, die 
Gruppe in der Weise gedacht, dass sie sich 
auf einer, sich kaum über den Boden erhe- 
benden Platte befindet, und zwar vor dem 
Stadthause, aus dem sie hervorzuschreiten 
scheint, um sich zum Richtplatz zu begeben. 
Das I-Ierkommen, das nun einmal verlangt, 
dass alle Statuen auf Postamenten stehen 
müssen, war schuld daran, dass diese ur- 
sprüngliche Idee verlassen wurde, die der 
Gruppe den Anschein eines geheimnisvollen, 
wildbewegten Zuges gegeben haben würde; 
dieser Anschein ist durch einen, wenn auch 
nicht sehr hohen Unterbau fast verloren ge- 
gangen. Doch blieb wenigstens die Composi- 
tion unverändert. In einer packenden Vision, die mit einer Intensität, wie 
sie nur Michelet besessen hat, die Vorgänge derVergangenheitwieder aufleben 
lässt, sind die sechs Bürger vor Augen gestellt, in jener herben Erscheinung 
und in jenen Haltungen, die sie gezeigt haben mussten, als sie nebeneinander 
ihrer Opferung entgegengiengen. Zwei sprechen miteinander unter mächtigem 
Geberdenspiel, ein dritter wendet sich noch einmal um gegen jene, die 
er zu verlassen im Begriffe ist, einer hält in Verzweiflung den Kopf 
zwischen den Händen; der fünfte, ein Greis, geht mühsam und mit gebeugtem 
Rücken vorwärts, während der letzte in dem Gefühle der Auflehnung sich 
lebendig emporrichtet und mit der Hand den ungeheuren Schlüssel presst, 
den er dem Sieger einhändigen wird. „Es ist für gewiss zu erachten - sagt 
Roger Marx sehr richtig: - dass ein Zeitgenosse des Eustache de Saint- 
Pierre weder in der Conception noch in der Ausführung anders hätte 
verfahren können." Und in der That, von diesen Gestalten, deren jede nach 
dem, der Persönlichkeit entsprechenden Alter und Temperamente so mächtig 
charakterisirt ist, möchte man behaupten, es seien ebensoviele Schöpfungen 
jener genialen Plastiker des Mittelalters, die wir so sehr bewundern. Aber 
' Gazette des Beaux-Ans, x8g5, t. II, p. 1x4. 
 
A. Rodin, Büste von Victor Hugo 
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