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Volltext: Monatszeitschrift III (1900 / Heft 11)

gegenseitig ergänzt und geheimnisvoll 
von einander angezogen. Diese sachte 
Bewegung des Mädchens, dieses 
Schwanken zwischen Neugier und 
Scheu ist von einer einfachen Ungeziert- 
heit, wie sie nur starkes unmittelbares 
Empfinden wiederzugeben vermag. 
Von ähnlich zarter Empfindung 
erfüllt, aber ganz in das Gebiet des 
Märchens entrückt, sind: Die Begeg- 
nung des Prinzen mit dem Mädchen im 
Walde, Das Waldmärchen (ein Mädchen 
und ein junges Reh schreiten durch den 
nächtlichen Wald), In kühler Tiefe, und 
andere ähnliche Motive. Immer ist es 
das Ahnungsvolle, Unausgesprochene, 
die bedeutungsvolle Ruhe und das stille 
Selbstbehagen in der Natur, das den 
Grundton angibt. Auch seinen Land- 
schaften weiss er einen ähnlichen Stim- 
mungsgehalt zu verleihen. Hier kommt 
aber noch durch Unterdrücken des De- 
Fm" Heim Sludiß tails und Betonen des Wesentlichen ein 
derart grosser, fast heroischer Zug in das 
Ganze, dass vor unserer Phantasie unwillkürlich Meuniers Bauerngestalten 
auftauchen, um diese Felder und Ebenen mit Menschen zu beleben. So ist 
es zum Beispiel im „Vogesendorf" und im „Kreuz in den Feldern" der Fall. 
Im Illustrationsfache, auf das ihn bereits die Compositionen zum Liede 
der triumphirenden Liebe gewiesen, ward ihm Gelegenheit geboten, die 
synthetische Art seines Vortrages noch weiter auszubilden und mit einfachen 
Linien und wenigen Farbtönen poetische Wirkungen zu erzielen. Seine 
Blätter zu den Gedichten von Albert Roffhack, farbige Original-Lithographien, 
reihen sich den vorzüglichsten Leistungen moderner deutscher Illustrations- 
kunst würdig an, und das jüngst als neuntes Bändchen der Sammlung 
Jungbrunnen (Berlin, Fischer ä Franke) erschienene Andersen'sche Märchen 
„Der Reisekamerad" mit Illustrationen in der Art des alten I-Iolzschnittes in 
Linienmanier reich ausgestattet, steht hinter den besten englischen Arbeiten 
der Morris-Schule nicht zurück. Was aber noch mehr ist, in diesen schlichten 
Zeichnungen verkörpert sich deutsches Wesen, deutsche Poesie und Empfin- 
dungsweise in so hohem Masse, dass wir uns nicht leicht eine trefflichere 
Bereicherung des Nationalschatzes an illustrirten Werken des Buchdrucks 
denken können. Die Charakterisirung des Vorganges und die Schilderung 
des Seelenzustandes der einzelnen Theilnehmer an demselben ist mit treu- 
herziger Schlichtheit und sprechender Schärfe auf das einfachste durch- 

	        

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