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Volltext: Monatszeitschrift IV (1901 / Heft 3)

_Z_UR WALTER CRANE-AUSSTELLUNG IM 
OSTERREICHISCHEN MUSEUM 50' 
VON M. DREGER-WIENSIP 
S liegt im Wesen jeder vielseitiger gewordenen 
Gesittung, dass mehrere Kunstströmungen neben- 
einander laufen und nicht jeder in jedem Künstler 
die Verwirklichung seiner Ideale erblicken kann. 
Wir hatten nebeneinander einen Goethe und 
Schiller, und in der Blütezeit der Renaissance 
wandelten Raffaelund Michelangelo inRom neben- 
einander, Männer, die wohl als Typen der stärk- 
sten künstlerischen Gegensätze gelten können. 
Die in sich geschlossene, alles fremde ab- 
weisende Natur des Gewaltmenschen Michelangelo und die zarte, 
geschmeidige, alles in sich aufnehmende und verarbeitende des ewigen 
Jünglings Raffael: in der That, nur um einen recht starken Gegensatz zu 
bezeichnen, wagt man die Namen in einem Athem zu sprechen. 
Michelangelos strahlenden Ruhm braucht man wohl nicht erst zu 
rechtfertigen; unserer schwächlichen, unruhigen, mit der Überlieferung 
brechenden Zeit sind solche Übermenschen oft ein wahres Herzensbedürfnis. 
Auch vor Raffaels Werken steht man entzückt, aber man schämt sich 
dessen heute beinahe: er gilt nicht als modern. 
Man glaubt das richtige Wort gefunden zu haben, wenn man sagt: es 
fehlt die Persönlichkeit - und die ist in der Kunst zuletzt doch alles. 
Unbefangenem Gefühle ist Raffael wohl der grosse, einzige Meister; 
oberflächlich zerlegendem Betrachten erscheint er jedoch, manchem 
anderen gegenüber, als die schwächere künstlerische Kraft - doch völlig mit 
Unrecht. Ganz urgewaltig muss diese Seele gewesen sein, die so vieles 
aufzunehmen und zu verwandeln verstand und durch das Aufgenommene 
doch nie überwältigt wurde, sondern immer sie selbst blieb, nur immer neu 
und immer reicher; das eigentliche Wesen dieser Seele, die urreine Kindlich- 
keit mit ihrer engelsgleichen Unschuld, ihrer schwärmerischen I-Iingebung 
und Freude an der Erscheinung ist immer gleich geblieben, und der reine 
Ausdruck dieses Wesens macht Raffael zum Meister der Welt, zum Meister, 
der zarteren Gemüthem immer ein Labsal sein wird. 
Wie gesagt: eine unendlich reine Kinderseele. V 
An dieses reine Kindergemüth hat mich Walter Crane immer gemahnt, 
wenn ich schon Grosses mit riesig Grossem vergleichen darf. 
Man braucht sich nur das herrliche Bildnis, das sein Freund Watts von 
ihm gefertigt hat, in Erinnerung zu rufen; diese jugendfrisch empfänglichen, 
unschuldig, fast verwundert dreinblickenden blauen Augen des blonden 
Nordländers, das ist das grosse Kind, das auch Raffael Zeit seines Lebens war. 
 
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