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Volltext: Monatszeitschrift IV (1901 / Heft 3)

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zwei Jahren durch seine grosse Ausstellung japanischer Farbenholzschnitte das Publicum 
in den Genuss dieser merkwürdigen Kunst eingeführt hat. Schon damals hat der Realist, der 
„Menzel" l-Iokusai neben dem genialen Landschafter Hiroshige den Vogel abgeschossen, 
die Meister des viel japanischeren XVllLJahrhui-iderts und der fruchtbare Übergangsmensch 
Utamaro waren ihnen bei den Wienem nicht gewachsen. Das Thema von der Moderni- 
sirung, Vulgarisirung oder Europäisirung der japanischen Kunst wurde damals sattsam 
erörtert. Es wird Fenollosa, dem gelehrten Parteigänger des altjapanischen Pinsel- 
schwunges und seiner aristokratischen Schwunglinie nicht gelingen, diese Weise in dem 
Inselreiche zu aeternisiren. Ihr vornehm getragenes Wesen muss verschwinden, wie das 
specifische Lächeln des Japaners, das der treffliche Lafcadio Heam als den Ausdruck und 
die letzte philosophische Blüte der japanischen Nationalcultur feiert. Der Japaner 
beginnt bereits mit seinem Lächeln aufzuhören, das im internationalen Verkehr nicht aus- 
zureichen scheint. Hokusai schlägt den Weg des Volkes ein, er schlägt sich durch die 
harten Realitäten des wirklichen Lebens. Er ist allerdings derMann, um solche Umschwünge 
zu machen. Er hat eine ganze Plejade von Malern in sich. Wenn er seinen Namen berühmt 
gemacht hat, schenkt er ihn seinem Schwiegersohn oder einem Schüler und borgt sich den 
Namen einer befreundeten Familie, um ihr ihn nach einigen Jahren ruhmgekrönt zurück- 
zustellen und wieder unbekannt weiterzuarbeiten. Es ist dieselbe Rastlosigkeit, wie mit 
seinen Wohnungen, die er alle paar Monate wechselt. Er wechselt sie, wie seine Hände 
beim Arbeiten, denn er zeichnet ebensogut mit der Linken, wie übrigens Menzel auch. und 
ebensogut von unten nach oben, wie übrigens Eisenmenger auch. Sein Leben im „japani- 
schen Vasari" klingt wie ein Roman aus dem XVII. Jahrhundert, lauter Abenteuer, die aber 
alle aufs Zeichnen und Malen hinauslaufen. Er kann gar nicht genug davon haben, mit beiden 
Händen rafft er alles Sichtbare an sich und muss es verarbeiten. Am liebsten gleich serien- 
weise, von 36 Fujiyamas zu xoo eilend, die 53 Stationen der Tokaido-Landstrasse abwan- 
demd, Serien von Brücken, von Dichtern, von Wasserfällen, von Thaten der 47 Ronins, 
von Gott weiss was. In der Hirschlefschen Ausstellung war das alles mehr oder weniger 
ausführlich zu sehen. Immerhin haben auch die Wiener diese Dinge schon probeweise 
gekannt. Desto gespannter griffen sie nach den vielen Bilderbüchern Hokusais, die ihnen hier 
mit grosser Freigebigkeit bequem gemacht waren, während ihre Kenntnisnahme im Musee 
Guimet oder dem Berliner Museum für Völkerkunde doch umständlich ist. Wer sollte sich 
etwa nicht freuen, einmal die berühmte „Mangwa" durchzunehmen, diesen förmlichen 
Orbis pictus und mehr als das, diesen Stoss von fünfzehn Skizzenbüchern, wo jedes 
Blatt gleich ein Dutzend aus dem Leben herausgegriffener Motive enthält, oder das Mirakel- 
büchlein des „Ippitsu Gwafu", wo jede Zeichnung mit einem einzigen Pinselstrich gemacht 
ist. Die Mangwa ist das wahrste „liber veritatis", das es gibt; das Werk Claude Lorrains 
verhält sich dazu wie eine Sammlung von Recepten, nach denen Landschaften wie Arze- 
neien apothekermässig componirt werden können. Da gibt es Doppelseiten voll Charakter- 
masken, gleich zwei Dutzend auf einen Blick, Seiten voll liegend verkürzter Figuren, nackter 
Gaukler, Trapezkünstler, Radschläger, Ringer, Serien von Purzelbäumen. Dazwischen 
Mosaikmuster von Fussböden, allerlei Sorten Mauerwerk, unzählige Baumblätter wie im 
Naturselbstdruck abgeklatscht bis auf das feinste Rippchen. Dann wieder Windstudien, wie 
Menzel sie auch gemacht hat, mit fliegenden Röcken, Hüten, Schirmen, Papieren. Oder 
Taucher, die unter dem Wasser ihre über dem Wasser nie vorkommenden Bewegungen 
machen. Oder heisse Quellen, die alle erdenklichen Formen von Dampfstrahlen in die Luft 
senden. Und Missgeburten, man weiss nicht, ob aus dem Spiritus oder aus der Mythologie 
heraus. Und landschaftliche Motivchen jeder Art, zehn auf einem Blatt, Umrisse von Seen, 
von Bergen, von Klippen, wogendes, wehendes, schwankendes oder knotig dahinkriechen- 
des, veriilztes, verworrenes Ptlanzenzeug. Schneelagerungen auf Zweigen von Kiefern, 
Kirschbäumen, Mumebäumen, Pflaumenbäumen. Dann wieder ganz sachlich lineare, tisch- 
lerisch constructive Ergründungen von Webstühlen, Dachgerüsten, Brücken, Lastkähnen. 
Gleichgewichtsexperimente von Lastträgern, die mit dem Schwerpunkt ihrer Kisten und 
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