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Volltext: Monatszeitschrift IV (1901 / Heft 8)

es über sich vermag, die Formen der Dinge zu vergessen, um in den Schein 
ihres Colorismus unterzutauchen und sogar gegen die Form zu malen, nur 
der inneren Entwicklung der Farbe nach. Seine Farbe ist decorativer 
geworden als diejenige Böcklins, der H ebenso aus der Tradition wie er - 
versucht hat, die romantische Landschaft voller Haine und Paläste durch 
Localisirung der Farben poetisch zu erhöhen. Was Böcklin an Erfindungs- 
kraft vor Turner voraus hat, das ist diesem an Freiheit der coloristischen 
Empfindung als Vorzug verliehen. Tumers Aquarelle und seine letzten 
Ölbilder sind gänzlich aus dem decorativen Gefühl empfunden, das heute 
den Klang der Farben für den Klang der Formen eingesetzt hat. Ob seine 
Paläste Dächer und seine Bäume Blätter haben, ist so gleichgiltig, wie das 
Roth und Blau der Renaissance-Madonnen. Aber das Gold seiner Säulen und 
das Roth seiner Wolken ist von derselben Wichtigkeit, wie die Gruppirung 
einer Lionarddschen „Heiligen Familie". 
Man könnte das decorative Princip der Farbe beinahe als das moderne 
bürgerliche Princip bezeichnen. Denn es ist durch die Bürgercultur, in den 
Zimmern einfacher Wohnungen zuerst ausgebildet worden. Wie im Bau, 
wie im Gesellschaftsleben sind die Einwirkungen der Renaissance nicht 
plötzlich abgeschnitten worden, sondern führten vielfache Übergänge und 
Reactionen herbei. Das Porträt, als reines Zimmerbild, entwickelt zuerst den 
farblichen Zusammenklang. Moroni und Tizian wissen die Wirkung abzu- 
schätzen, die ein feines Bildnis an der Wand ausübt. Die Niederländer 
wissen es noch besser. Sie studiren die Menschen unmittelbar als kostbare 
Farbenharrnonien vor einem tonigen Hintergrund und bilden eine Kunst- 
gattung aus, die aus der Harmonie menschlicher Köpfe mit der einfarbigen 
Wand besteht. Ihre Genrescenen und Landschaften richten sich nicht mehr 
nach Gesetzen der Formalistik, wenn sie auch, wie man es bei Ruysdael 
studiren kann, noch lange nicht die Forderung einer wohlüberlegten 
Composition aufgeben. Die Farbe dämmert in ihren Bildern, wir können sie 
herausschälen, wie schon bei den Figuren des Meisters vom Flemalle-Altar, 
aber sie ist nicht Alleinherrscherin. Es ist nur der allgemeine wohlthuende 
Farbenaccord, der aus ihren Bildern klingt, die Bilder selbst sind ihnen 
noch eine gewisse Kostbarkeit im Sinne der Renaissance, die, wie man 
weiss, häufig von einem Vorhang verdeckt waren. Sie lieben die 
Wirklichkeit noch zu kindlich, um dem neuen ordnenden Princip ganz freie 
Bahn zu lassen. Sie sammeln die Motive erst. Sie sehen die Wirkung der 
Sonnenuntergänge, das Spiel der Baumschatten, die dunklen Vordergründe 
und das Licht in der Ferne, den Tanz der Sonnenstrahlen durch Thore und 
Höfe, die Symphonie des buschigen Grüns, die Schönheit des hohen 
Himmels und die Farbenflüsse auf den Wegen, aber sie setzen es oft noch 
ängstlich wie Mosaik zusammen, indem sie einer modernen Zeit es über- 
lassen, aus einem einzigen dieser Motive den ganzen Farbenklang eines 
Bildes zu entwickeln. Die Bäume Potters finden erst ihre Erlösung in der 
wunderbaren Erfindung Corots, das Gelaub als ein wirbelndes Spiel
	        

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