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Volltext: Monatszeitschrift IV (1901/ Heft 10)

von der Firma I-lusnik 8: Härisler her; die farbige Wiedergabe der Aquarelle ist vortrefflich 
gelungen. In dem von Kamper und Herain verfassten Texte begleitet uns der Letztere, 
ein unermüdlicher Localforscher, von Bau zu Bau, verzeichnet die Entstehungsgeschichte 
der Bauwerke, ihre Schicksale, in welchen sich mitunter die politische und culturelle 
Geschichte, und ein guter Theil der socialen Verhältnisse Prags abspiegelt. 
Durch die zweitangeführte, vom Verleger Koöi herausgegebene Publication erscheint 
ein Cyclus Federzeichnungen von Emil Holarek reproducirt. Der aus fünfzig Blatt beste- 
hende Cyclus ist bereits im Jahre 1895 entstanden. „Reflexionen aus dem Katechismus" 
nennt ihn der Künstler; Sünden, Tugenden und Werke der Barmherzigkeit bilden den 
Inhalt und bieten den Titel der einzelnen Darstellungen. Die folgenden Worte des 
Künstlers selbst geben über seine Auffassungsweise, über die Beweggründe, durch welche 
er sich leiten liess, unverhohlen Aufschluss. 
„Diesen Protest einer gemarterten Seele überreiche ich der menschlichen Gesell- 
schaft, zum Danke dafür, dass sie mein Herz künstlich in jener Empfindlichkeit erzogen, 
die vor jedem Eindrücke erzittert und fremden Schmerz über den eigenen fühlt. Sie nahm 
schon dem Kinde den süssen Egoismus der Natur, der sein Glück bildet. Dafür hat sie 
ihm die christliche Lehre eingeprägt und hiess ihn, sich mit seinem Glauben an ein 
ideales Glück klammern. Es geschah dies nur, um ihn zu täuschen. Dem reifenden Marine 
vermochte sie nicht die schnöde Wirklichkeit zu verbergen und ihr Inneres, das einer 
Händlerin, zu verhüllen." Die Veranschaulichung dieses Gedankens bietet schon das 
Titelbild in der Darstellung der heuchlerischen Menschheit, welche ihr wahres Antlitz 
durch die Christusmaske verdeckt. Und wahrhaftig durchweht das ganze Werk etwas 
von jenem Geiste, der den alten hussitischen „Antithesen" innewohnt, welche dem 
Reiche Christi das Walten des „Antichrists" gegenüberstellen. In manchem Blatte, ins- 
besondere im Cyclus „Fremde Sünden" finden wir anscheinend auch Tolstojs Gedanken 
verkörpert. 
Den Blick auf die Gegenwart gerichtet, lässt der Künstler seine Scenen auch in 
früheren Zeitperioden sich abspielen und sorgt hiedurch für Abwechslung, sowohl im 
Gedankengange, als auch in der Darstellungsweise, welche selbst in einzelnen Abschnitten 
selten einheitlich ist. Eine durchwegs gemeinschaftliche Grundlage besitzt die Serie 
der Sünden wider den heiligen Geist, welche uns in die Zeit der Robott und der Bauern- 
kriege zurückführt, deren Schauplatz bekanntlich Böhmen im XVII. und XVIII. Jahr- 
hunderte wiederholt gewesen. Und wenn der Künstler den Boden unserer Zeit betritt, 
so weiss er aus unserem Strassen- und Gesellschaitsleben nicht weniger traurige und 
erschütternde Scenen hervorzuholen. Das Gebot „Die Durstigen tränken" wird von einem 
scharfen Proteste gegen den Alkoholismus begleitet und lebenswahr wird unter dem Titel 
„Die Unwissenden lehren" geschildert, wie sich Gross und Klein um einen Zeitungs- 
verschleiss drängt und mit Behagen Mordgeschichten und Witzblätter schlimmster Sorte 
begafft. Voll Mitgefühl wird das unnatürlich vereinsamte Wesen, die nicht überwundene 
Sehnsucht auf dem stimmungsvollen Blatte VI (Die Unkeuschheit) dargestellt. Den 
Passiven, den Unterjochten, den Opfern der brutalen Übermacht, aber auch den Opfern 
eigener Laster, selbst blinden Werkzeugen höherer Mächte gilt das Mitleid des Künstlers, 
welcher eher mit tiefer Trauer und Wehmuth, als mit Zorn und Grimm das Verkehrte 
im menschlichen Leben und Schaffen verfolgt. Nicht dass es dem Künstler an Kraft 
mangeln würde, welche er doch in einigen Blättern bezeugt, aber ein gewisser melan- 
cholischer Zug mildert mitunter den herben Grundton. Die iiguren- und gedankenreichen 
Compositionen des jungen Künstlers, in welchen hie und da wohl ein Ringen mit der 
Ausdrucksweise obwaltet, zeugen stets von tiefem Ernste und feiner Empfindung. 
Versöhnend wirkt der Epilog des Künstlers: „Ich will eintreten in den Tempel der Schön- 
heit und Erhabenheit und schüttle ab, was von der Trübe des Lebens an mir hängen 
blieb, auf dass ich gehobenen Herzens und mit gereinigter Seele mein Opfer darbringen 
kann." Die Reproductionen rühren von der „Unie" her, desgleichen wie die umfangreichen
	        

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