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Volltext: Monatszeitschrift IV (1901 / Heft 11)

1'.) 
Formen hinzustreichen, das Korn des Steinzeugs 
gibt eine weiche schmeichelnde Empfindung, einen 
Reiz der Empfindung, wie ihn Bronze und Marmor 
nie auszuüben vermögen. 
Es ist vergebens, dies und die farbigen Reize 
beschreiben zu wollen, diese malerisch hingesetzten 
Farbenflecke, die feinen Übergänge von einem 
Ton in den andern. Und ebenso vergeblich ist es, 
das Recept zu einer derartigen Behandlung des 
Steinguts geben zu wollen. Um solche Wirkungen 
zu erzielen, dazu gehört die Leichtigkeit und 
Schnelligkeit der Hand, die Feinheit des Blickes und 
der farbigen Empfindung, über die eben nur Carries 
verfügte. Darum hat man auch gegenüber jedem 
dieser Werke den Eindruck des „bibelot unique", 
wie es Graf Montesquiou ausdrückt, des persön- 
lichstenErzeugnisses einer Kunst, die niemals das 
Gepräge marktgängiger Industrieware annehmen 
kann. Unsere Abbildungen können von diesem 
Reiz, der zu einem grossen Theil im Material und 
in der Farbe besteht, nur einen schwachen Begriff 
geben. Aber sie geben einen Begriff von der 
starken Phantasie des Künstlers, in der sich 
grotesker Humor mit tiefer Innerlichkeit, ja mit 
einem gewissen visionären Mysticismus verbinden, weminghausen, Sitzende, 
wie er durch Carries' ererbte Anlage, durch die Sßhlßnsenrödrer, Aßvsludiß 
Lebensschicksale in seiner frühen Jugend, durch 
die Erziehung im Waisenhause wohlerklärlich wird. Sie zeigen weiter 
in der vollen Geschlossenheit das Stilgefühl des Künstlers, welcher die 
Eigenart der Steinzeugtechnik - das Schwinden im Feuer, die Unmöglichkeit 
weit ausladende Theile mit zu brennen - vollständig berücksichtigt und 
ausnützt. 
Ob der Künstler bei seinem Tode das beglückende Gefühl gehabt hat, 
dass sein ehrgeiziger Traum, der Velazquez der Plastik zu werden, in 
Erfüllung gegangen sei? Schwerlich. Der Gedanke an sein unvollendetes 
Portal, seinen „Kalvarienberg", hat ihn verfolgt bis zuletzt. Aber Carries 
hat nicht umsonst gelebt. Er hat sich einen hohen Platz in der französischen 
Kunstgeschichte errungen. Mit hoher Begeisterung schliesst Graf de 
Montesquiou seinen feinsinnigen Nachruf für Carries in der Gazette des 
Beaux Arts 1894 mit denWorten: „Ja, trotz deines allzufrühen erschreckenden 
und plötzlichen Dahinscheidens kannst du ruhig schlummern, Jean Carries . . . 
die Zukunft ist deiner sicher, wie du ihrer. Ein Platz ist Dir angewiesen in der 
Unsterblichkeit, wo Zukunft und Gegenwart in einander fliessen. Da 
wirst du die Hand drücken einem Adam Krafft, einem Peter Vischer 

	        

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