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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 2)

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entdecktes. Noch heute ist es nicht völlig und allseits verstanden; aber es 
hat doch Wunder gewirkt. ' 
Die materialistische Auffassung der Kunst, wie sie die Nachfolger 
Sempers, vielfach nicht im Sinne des Meisters, verbreiteten, ist heute ein 
überwundener Standpunkt - nicht nur in der wirklich fortschreitenden 
Wissenschaft, sondern auch in der Kunst selbst; denn hier hat, wie überall 
die Übertreibung des Principes den Wandel schon vorbereitet. Wir sehen 
heute eine neue grosse, idealistische Kunst, zunächst wie ein überwältigendes 
Traumbild, vor uns wieder aufsteigen. Die Riegl'schen Lehren werden dieser 
Bewegung eine dauernde Stütze verleihen. 
Riegls Stilfragen sind eine Kampfschrift; es galt vor allem eine unrichtige 
oder wenigstens übertriebene Ansicht zu vernichten. Es wird aber auch 
sofort Neues an die Stelle des Alten gesetzt. 
An die Stelle des Materialismus tritt die Lehre des allbeherrschenden 
Kunstwillens. 
Wie gesagt, Riegls früheres grosses Werk war eine Kampfschrift; es 
wirkte daher einseitig, wie jedes Werk dieser Art, und es musste einseitig 
sein, wenn es Wirkung thun sollte. Und doch beruht diese Einseitigkeit nicht 
darin, dass es etwa über's Ziel geschossen oder Thatsachen unbeachtet 
gelassen hat, die seiner Ansicht widersprechen könnten; sondern einzig darin, 
dass es sich hauptsächlich auf Zeiten beschränkt hat, in denen thatsächlich 
die so lange verkannten Gesetze die fast ausschliesslich massgebenden 
waren. Es behandelt ja vor allem die Zeiten vor und nach der sogenannten 
classischen Antike, diese selbst weniger, und nur die Zeit bis ins Mittelalter. 
Diese Epochen waren ja auch die am längsten verkannten. 
Es ist in der Kunstwissenschaft ähnlich ergangen, wie in der classischen 
Philologie, wo ja auch viele grundlegende Entdeckungen von Seite der 
romanischen Sprachwissenschaft her, so zu sagen nach rückwärts schauend, 
gemacht wurden. In ähnlicher Weise haben auch die sogenannten neueren 
Kunsthistoriker, bei ihren Forschungen immer weiter zurückdringend, Ausser- 
ordentliches für die Erkenntnis der antiken Kunst gethan, da diese doch eigent- 
lich Schaffensgebiet der Archäologie ist. Es weiss ja jeder Fachmann, wie 
bahnbrechend hier Wickhoff gewirkt hat, der in seiner Behandlung der 
Wiener Genesis-Handschrift zuerst an das dunkle Grenzgebiet antiker und 
christlicher Kunst heranleuchtete. 
Wenn die zünftige Archäologie auch sofort daran auszusetzen fand 
und heute natürlich manche Punkte sich verändert haben, so war mit diesem 
ersten Versuche doch Ungeheueres erreicht; man hatte einen neuen Stand- 
punkt zur Betrachtung eines ganzen Zeitalters gewonnen und gerade einer 
Zeit, mit der eine neue Bildung beginnt, eine ältere auslebt, also einer Zeit 
weltgeschichtlichen Überganges, unserer somit überaus ähnlich. Es soll hier 
weder den classischen Philologen, noch den Archäologen zu nahe getreten 
werden; denn auch sie haben oft in nachbarliche Gebiete fördernd ein- 
gegriffen und vor allem der Erforschung späterer Zeiten einen festen
	        

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