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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 2)

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Vorstellung und ihr Gegentheil, das allerdings nach höherer philosophischer 
Anschauung mit ihr auch gleichbedeutend sein kann; für uns sind sie zunächst 
im Widerstreit wie Gut und Böse. 
S0 sind die zwei grossen Gegensätze in der Kunst die Zeiten mit vor- 
herrschendem Verstande und die mit vorherrschendem Geiühls- und Phan- 
tasieleben. 
Die Zeiten des Verstandes empfinden immer mehr körperlich-greifbar, 
die des Gefühles mehr flächenhaft-visionär. Die Zeiten des Verstandes 
arbeiten in stark contrastirenden Farben, die des Gefühles in einander nahe- 
liegenden. Die Zeiten des Verstandes lassen das Material gelten, die Zeiten 
des Gefühles verleugnen es; darum musste Riegl, da er hauptsächlich 
letztere Zeiten behandelte, zu seiner materialverachtenden Anschauung 
gelangen. Natürlich gab es aber nie eine Zeit, da eine Richtung in allen 
Schichten eines Volkes ganz allein herrschte; doch wird bald die eine, bald 
die andere Seite vorwiegen. 
Die sogenannte classische Antike und die Jahrhunderte vom XV. an 
nach Christi Geburt sind Zeiten, in denen dem Verstande grosse Rechte ein- 
geräumt werden; diese Zeiten gewähren der plastischen Empfindung den 
Vortritt, auch in den Werken der Malerei. Diese Zeiten, was wir insbeson- 
dere in der Renaissance, aber auch der Antike sehen, lieben weit voneinander- 
liegende Farben - man vergleiche etwa die an die Antike sich anlehnenden 
Loggien Raffaels mit ihren bunt auf trennenden weissen Grund verstreuten 
Farbenflecken - oder sie betonen die Form allein wie die Empirezeit. Die 
Zeiten der vorclassischen Antike (Aegypten, mykenische Kunst u. a.), die 
spätantike Kunst, heute noch der Orient, wählen mit Vorliebe einander nahe- 
liegende, in einander fast traumhaft überfliessende Farben, etwa grün und 
gelb, blau und grün, blau, grün, gelb, weiss. Und wo sie etwa roth, blau, 
gelb untereinander bringen, geschieht es in solcher Vertheilung, dass sie, 
was Semper schon erkannt hat, sich aufheben, zu weiss ausgleichen, und 
zwar schon auf kleine Entfernungen. Diese Zeiten lieben das Unklare, 
Geheimnisvolle, Traumhafte, wie gesagt. 
Wir sehen auch, dass heute wieder solche Neigungen sich geltend 
machen. Uns gefallen heute die Tiffanyschen Gläser, die Teppiche von 
Christiansen, die Stoffe von Moser mit ihrem unaussprechlichen Farben- 
zauber, wo Farbe in Farbe sich schiebt und die Formen uns kaum zum 
Bewusstsein gelangen. 
Diese Gegensätze hat der Schreiber dieses schon in seinem Spitzen- 
werke angedeutet und er wird sie noch klarer darstellen können, wenn er 
in der Behandlung der Textilsammlung des Museums weiter vorschreitet. 
Zwischen diesen Extremen bewegt sich die Kunstentwicklung der Menschheit. 
Riegl zeigt uns aber, dass die Entwicklung der Kunst nicht nur eine 
Pendelbewegung, sondern auch eine ununterbrochen fortschreitende, man 
könnte sagen Wellenbewegung ist. Daher können zwischen verschiedenen 
Zeiten Aehnlichkeiten sein, aber eine unbedingte Wiederholung gibt es nicht.
	        

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