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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 2)

Kennzeichen der einen Kunstseite; bezüglich der Materialunterdrückung 
und Tonstimmung brauchen wir nur auf die Abbildungen zu verweisen. 
Und dass dieser grosse Wechsel in der Kunst eintrat, dass die vor- 
wärtsstrebende Kunst wie- 
der von der anderen Seite 
angezogen wurde, hat in 
der Änderung der ganzen 
Culturverhältnisse seine 
Ursache. 
Man kann sagen, es 
muss ein Krach des Ver- 
standes vorangegangen 
sein. Der grossen Masse 
der Menschen wird die 
Wissenschaft, die ja auch 
in griechisch - römischer 
Zeit schon hoch entwickelt war, nie volle Befriedigung bieten. 
Und auch für hohe Geister birgt das Wissen leicht die Gefahr, zu einem 
gewissen Indifferentismus und Anarchismus zu führen; man glaubt zuletzt 
zu erkennen, dass eigentlich jede Meinung berechtigt sei. Dann kann die 
Thätigkeit des Verstandes nicht mehr befriedigen; das Gemüth und die 
Einbildungskraft übernehmen die Führung. Dann vereinigen sich auch 
wieder alle Stände zu einer gemeinsamen Lebensauffassung. 
Dieser Vorgang trat in der späten Antike ein; das war der Sieg der 
Religion über die Philosophie. 
Damals vereinigten sich aber nicht nur die verschiedenen Stände der 
einen Culturwelt, damals konnten zwei, bis dahin geschiedene Gesittungen 
in einander überfliessen, die griechisch-römische und die barbarisch- 
germanische. 
Es ist einer der bemerkenswertesten Vorgänge der Weltgeschichte, 
mit wie geringem Widerstreben, ja theilweise sogar mit Wollust die 
griechisch-römische Welt die Herrschaft des Barbarenthumes über sich 
ergehen liess. Die Untersuchung diesesVorganges, der mit dem Angedeuteten 
im engsten Zusammenhange steht, würde hier zu weit führen, aber auf das 
Eine muss hier hingewiesen werden, wieso die späte Kunst auf die Barbaren 
übergehen konnte. Es ist doch merkwürdig, dass die frühe griechische 
Kunst bei ihnen offenbar keine Nachahmung gefunden hat. Jetzt war eben 
erst die Kunst für den Barbaren reif und der Barbare reif für diese Kunst. 
Auf diesem Standpunkte der Gefühls- und Phantasiekunst, auf den das 
Mittelmeervolk nach langem Wege wiedergelangt war, stand der Barbare 
noch immer, und daher konnten sich jetzt beide verstehen. 
Man kann neugierig sein, wie sich Riegl in der Fortsetzung des Werkes 
zu dieser Frage stellen wird. Auch wäre zu untersuchen, was der Barbare, 
insbesondere der Germane bis zu diesem Zeitpunkte an Kunst besass. 
  
Ornamemaler Pries, im Kalkstein durchbrochen. Museum in Gize
	        

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