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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 2)

die schlichten Aschenkrüge, die mit ihren aufstrebenden, nach oben knaufig sich rundenden 
Linien, die Stimmung des Hütens und Bergens aussprechen. 
Man hat vor allen diesen Werken das Gefühl, dass sie nicht die letzten Worte eines 
Künstlers sind, und dass auch in den gelungenen noch mehr Kämpfen und problematisches 
Ringen als geniale Erfüllung steckt. Ein Enthusiasmus ist ihnen gegenüber so wenig am 
Platz, als eine übereifrig das Negative betonende Kritik, die sich die billige Mühe gibt, 
gewisse künstlerische Eigensinnigkeiten nachzuweisen. Die anregendste Betrachtung bleibt 
doch immer, den Vorstellungen eines Künstlers nachzuspüren und zu forschen, aus 
welchen inneren Gründen er zu den Formulirungen seiner Aufgaben kam. 
Ein Obrist verwandtes Temperament ist der Münchener August Endell, der jetzt die 
Innenarchitektur des neuen Wolzogen-Theaters inscenirt hat. Auch er ist grüblerisch, bis 
zur Spitzfindigkeit und fast selbstquälerisch controlirt er alle seine Einfälle. So werden 
seine Arbeiten stets reiche Quellen der Debatten und ob man sie negativ oder positiv 
betrachtet, stets geben sie Anregung; sie sind nie Geschöpfe künstlerischen Leichtsinnes, 
sondern immer Erlebnisse innerer Vorstellungswelten. 
Das merkt man auch bei dieser Lösung der Innenarchitektur eines Miniaturtheaters. 
Möglichst undankbar war der äussere Rahmen der Aufgabe. Von vornherein konnte nicht 
freihändig von Grund aus die Sache in Angriff genommen werden. In ziemlich engen 
Verhältnissen musste man sich drängen und drücken. Auf dem I-Iofterrain einer hässlichen 
östlichen Strasse, der Köpenickerstrasse, ward allzueilig ein ziemlich charakterloses 
Theaterhaus aufgerichtet mit einem unintimen gähnenden Zuschauerraum, engen Neben- 
räumlichkeiten und zwei Logenrängen an der Rückwand. Endell sollte die Stimmungs- 
Atmosphäre hineinzaubern. 
Bei dieser Mission hat der Künstler nun peinlich alles vermieden, was nach beque- 
men, naheliegenden Mitteln aussieht, er hat nach neuen Wegen gesucht, ohne dabei in 
den Fehler bewusster Originalitätshascherei zu verfallen. Interessant ist vor allem, wie er 
die hohen gähnenden Wände belebt. Er stimmt sie durch die Farbe zu einem 
gedämpft behaglichen Rahmen. Doch die Art dieser Tönung ist etwas Neues. Er theilt die 
Wände horizontal in drei Partien und stuft sie coloristisch von den dunklen Tönen der 
Basis bis zu den hellgrün und weiss in die Decke überklingenden der oberen Theile ab. 
Etwas von der Pointilleur-Technik der Neuimpressionisten glaubt man in seiner Art zu 
erkennen. Das in der Nähe. einzeln aufgelöst, tupi-ig Erscheinende, bunt nebeneinander 
und aufeinander Stehende flutet für das Auge im Raum zu ruhevoller, warmer Gesammt- 
Wirkung zusammen. 
Originell ist auch seine Ornamentik. Er scheint als Erster die Anregungen benutzt 
zu haben, die Ernst I-Iaeckel in seinem Werk „Kunstformen der Natur" geboten. Die 
grenzenlose Phantastik der Welt auf dem Grunde des Meeres, die Verästungen der See- 
sterne, das Wunderbare der Korallen, die Formationen der Algen, Muscheln, Flechten 
sind eine noch unausgeschöpfte Quelle, die der Forscher den Künstlern gewiesen. Beim 
Durchblättern dieses Werkes hatte man freilich das Gefühl, dass unserem, jetzt nach ein- 
facheren Formen verlangenden Geschmack hier die Natur gerade in ihrem barocken, hyper- 
trophischen Stil gezeigt würde. Endells Takt beweist sich nun darin, wie er aus diesen 
monströsen Schatzkammern, ohne geblendet und verwirrt zu werden, mit strengster Aus- 
lese nur das nimmt, was seinen Zwecken dienlich ist, was sich in die künstlerische 
Ökonomie seines Werkes ungezwungen einpasst. Ein Clinquant aufdringlich auffallender 
Phantastik wird nicht geduldet. 
Es ist auch kein naturalistisches pedantisches Nachbilden, sondern aus völlig freier 
Anregung heraus benutzt er die leichte Märchengrazie, die capriciösen Bildungen, die wir 
in der Miniaturwelt hinter den Glaswänden der Aquarien bewundern. An den Vertical- 
theilungen der Wände, den aus breiten Wurzeln auswachsenden grauvioletten, phantasti- 
schen Baumstämmen, die oben an der Deckenvoute pittoreske verästete Wipfel tragen, an 
den Beleuchtungskörpern, die grossen dreieckigen hörnigen Muschelgebilden gleichen,
	        

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