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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 4)

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EIN MODERNES TEELOKAL F0 VON P. G. 
KONODY-LONDON He 
IE künstlerische Ausstattung und das ganze Wesen 
öffentlicher Lokale (Restaurants, Trinkstuben 
etc.) bilden unzweifelhaft einen Spiegel des 
Charakters, der Lebensart und des Geschmackes 
der Bewohner einer Stadt. Wenn das Spiegel- 
bild auch manchmal verzerrt und übertrieben 
ist, so ist es nichtsdestoweniger höchst lehrreich 
für den Fremden, der auf kürzestem Wege einen 
Einblick in den National- und Lokalcharakter 
der betreffenden Stadt gewinnen will. Was 
könnte zum Beispiel für die etwas blas- 
phemische Ausgelassenheit, die Leichtlebigkeit und den eingefleischten 
Kunstsinn des Parisers bezeichnender sein, als die Cabarets auf Mont- 
rnartre: „Le Chat noir", „Bruant", „Ciel", „Enfer", „Neant", und wie sie 
sonst heissen mögen? Was für den Materialismus des modernen italienischen 
Spiessbürgers, als die Geschmacklosigkeit der Ausstattung seiner Esslokale, 
deren Dekoration hauptsächlich in der Schaustellung aller möglichen 
Nahrungsmittel und Gerichte - roh oder zubereitet - besteht? Sogar die 
Spiegelverkleidung der Wände scheint da nur den Zweck zu haben, das 
Buffet im Reflex von allen Seiten sichtbar zu machen. Des Deutschen etwas 
romantisch angehauchte Naturliebe und seine bürgerliche Behäbigkeit lässt 
sich aus einem Besuche der so charakteristischen Biergärten schliessen. 
Die abscheulich hässlichen und unbequemen „Public Houses" der unteren 
Volksschichten Englands, Lokale, wo man in vergifteter Luft, stehend oder 
auf lehnlosen Stühlen hockend, eine möglichst grosse Quantität von 
Spirituosen in möglichst kurzer Zeit konsumiert, weisen auf die Roheit und 
Hast dieser Volksschichte hin. Dagegen kann nichts für den verfeinerten 
Geschmack und den vornehmen Komfort der „Upper Ten Thousand" und 
des besseren Mittelstandes bezeichnender sein, als die sich rasch ver- 
mehrenden eleganten Teelokale in Bond Street, dem Zentrum der Lebe- 
welt Londons, wo in Juwelierläden, Kunstgalerien u. s. w. Schätze auf- 
gestapelt sind, welche auf die Repräsentanten des Geschmackes und Reich- 
tumes von London mit magnetischer Anziehungskraft wirken. 
Unter diesen Teelokalen gibt es eine „Galerie des Ostens", von 
Japanern geleitet, in bestem japanischen Stil dekoriert und mit japanischem 
Bedienungspersonal in Nationalkostüm; sehr originell sind auch die „Rouge 
et NoiW-Teezimmer, so bezeichnet, da sie durchwegs in einem Farben- 
plane von Rot und Schwarz ausgestattet sind; und schliesslich die „Alt- 
Eichen-Teeräume", in modernem Stile von Liberty 8: Co. ausgeführt, 
welche den Gegenstand dieser Besprechung bilden. Die „Old Oak Tea 
Rooms" sind in den drei oberen Stockwerken eines alten Hauses in Bond 
 
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