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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 5)

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Studien in Deutschland mächti- 
gen Einfluss übte, dem Schützer 
und Förderer seiner Jugendzeit 
ebenso wie dem Heiligen der 
Stätte, an der er lernte, auf gut 
deutsche Art ein Denkmal ge- 
setzt. 
Man kann ziemlich weit 
herauf die Proben der Buch- 
malerei der späteren Jahrhun- 
derte verfolgen und wird die- 
selbe Beobachtung machen wie 
bei dem eben besprochenen 
Bild. Der figuralen Darstellung 
mangelt die Fähigkeit, die Pro- 
portionen richtig wiederzugeben, Haltung und Bewe- 
gung der Wirklichkeit abzulauschen. 
Unter den noch dem XII. Jahrhunderte angehören- 
den deutschen Arbeiten der Miniaturenausstellung sind 
noch am beachtenswertesten die Illustrationen zu einer, 
vorzüglich Schriften über Musik enthaltenden Hand- 
schrift (cod. 51), aus der hier ein Blatt dargeboten wird: 
Guido von Arezzo (995-1050) und Bischof Theodal- 
dus von Arezzo diskutieren über die Frage der Teilung 
einer Monochordsaite. Beide Gestalten sind unnatür- 
lich in die Länge gezogen, die Hände disproportioniert, wie auf dem Hraba- 
nus-Bilde; Individualisierung der Gesichter der beiden Personen (Mikro- 
kephalen) ist zwar versucht, die Überwindung der starren schematischen Züge 
jedoch nicht gelungen. Das überrnässige Strecken der Gestalten hat seinen 
Grund in dem Bestreben, die Figuren möglichst zierlich erscheinen zu lassen, 
ein Bestreben, das mit der Herrschaft der Gotik ganz allgemein wird. 
Zugleich mit dieser erhebt sich im Laufe des XIII. Jahrhunderts, wie 
bekannt, nach einer Zeit des Niedergangs die deutsche Kunst wieder zu 
freierem Schwung, namentlich im Ornament, wofür die blattgrosse Initiale 
B in einer dem Kloster Weingartenberg entstammenden Handschrift der 
augustinischen Psalmenerklärung aus dem Anfang des XIII. Jahrhunderts 
(cod. 669) mit deutlichem gotischen Gepräge, sowie die gleichfalls repro- 
duzierte Initiale eines lateinischen Psalters aus dem Karthäuserkloster Seitz 
(Steiermark) (XIII. Jahrhundert, cod. 1100) als Belege dienen mögen. Man 
beachte die Ausgestaltung des Ansatzstriches des D zu einem ganz aus dem 
Geiste der Gotik geholten Gebilde: An den Oberkörper einer Jungfrau, die 
mit goldenem Kamrne ihr langes Haar strählt (Loreley), schliesst sich 
ein fischartig auslaufender Unterleib; dieser ist mit dem Hauptkörper des 
Buchstabens, in dem sich ein gleichfalls seltsam geformter Pfau mit Adler- 
 
Briefe des heiligen Paulus 
(cod. 123g) 
 
	        

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