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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 6 und 7)

beiden Gefährten in der Nacht zu leiden hatten. Es heisst nicht zu viel in das 
mit vollendeter Meisterschaft ausgeführte Bild hineininterpretieren, wenn wir 
in demselben mehr erblicken, als einelllustration zu dem an sich recht harmlosen 
Abenteuer. Es führt uns den ganzen Zauber eines auf nächtlichen Gewitter- 
regen folgenden sonnigen Morgens im Freien vor, und wenn der könig- 
liche Verfasser von „Regnault und Jeanneton", in dem er „das Erwachen 
des Frühlings und der Liebe in der Natur liebenswürdig und rein 
schilderte", es nicht gar selbst in all seinen Einzelheiten dem Maler 
skizzierend andeutete, so hat er gewiss an demselben das höchste Gefallen 
gefunden. Die von leichten Nebeln umhüllte Sonne hat sich eben über den 
Horizont erhoben - man beachte die langen Schatten, welche die Gebüsche 
werfen -, der Rasen, bei dem man jeden Grashalm unterscheiden zu 
können glaubt, ist noch taufrisch, der links befindliche Baumstamm 
erscheint in prächtiger Morgenbeleuchtung - das ist ungefähr die Szenerie, 
welche die beiden dargestellten Gestalten umgibt. Coeur, eine edle schlanke 
Jünglingsgestalt, ist, unschulds- und doch auch wieder ahnungsvoll, mit dem 
Entziffem der Inschrift beschäftigt, während Desir, der unseren Coeur - und 
welches Herz denn nicht? - begleitet, noch schläft. Coeurs Helm, auf dem 
ein Herz mit zwei Flügeln, um die sich pensees (Stiefmütterchen) winden, 
erscheint, steht neben dem Schlafenden. Die von dem Text des Romans 
unabhängige Allegorie, die das Erwachen in der Natur in Zusammenhang 
bringt mit dem erst „lesenden" Herzen und dem noch schlummernden Ver- 
langen, ist zu naheliegend, als dass dieser Sinn sich dem denkenden Beschauer 
nicht aufdrängen müsste. Der Schatz an künstlerischen und Stimmungs- 
motiven, den dieses Meisterwerk der Miniaturkunst einschliesst, ist, wie hier 
beiläufig bemerkt sei, noch nicht völlig gehoben. Der Zauber, der beiBetrach- 
tung solcher Bilder gefangen nimmt, darf aber nicht dazu verleiten, bezeich- 
nende Einzelheiten, die von dem zeichnerischen und malerischen Geschick 
unseres Meisters zeugen, zu übersehen. Man beachte zum Beispiel auf dem 
eben besprochenen Bilde, wie die gute Behandlung der Perspektive die Augen- 
höhe Coeurs mit dem Gebüsch am Horizont zusammenfallen lässt, ferner die 
Wirkung der Sonne auf das Profil des Lesenden, auf die in recht naturwahrer 
Haltung wiedergegebenen Pferde und auf den schlafenden Knappen. 
Ähnliches gilt auch von dem dritten hier vorgelegten Bilde. Rene, der 
in seinen jugendjahren so lange Zeit im Lager zugebracht hatte, führt uns in 
eine solche aus Leinwand gebaute leichte Stadt. Die Bitte Desirs um Hilfe für 
Coeur bei dem mächtigen Honneur gibt hierzu Gelegenheit. Dieser wohnt 
natürlich in einem Prachtzelt. Als Desir diese tente suchte, „assez fut, qui lalui 
monstra", _wie es im Texte heisst. Das Original des Zeltes,wo „honneur tenoit 
conseil avecques ses barons", dürfte sich in Renes Besitz befunden haben; 
die Vorliebe des Königs für Prachtstücke der Kunstindustrie steht fest, ebenso 
die Tatsache, dass seine Schlösser Sammelstätten solcher Objekte waren, 
die er w das gilt ja sicher von den oben erwähnten Teppichen, von dem 
Rock und Köcher Amours - leicht den von ihm beschäftigten Malern
	        

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