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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 6 und 7)

DIE; "MIjNIATURvE-NAUSSJTELLLUNG DER 
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IE französische Abteilung der Miniaturenausstellung, 
mit der sich die nachfolgenden Darlegungen 
beschäftigen, weist eine stattliche Zahl von 
Bilderhandschriften auf, die zu den erlesensten 
der ganzen Exposition gehören. Die wohl- 
geordnete Reihe charakteristischer und hervor- 
ragender Werke der französischen Miniatur- 
malerei führt gleichzeitig auf lehrreiche Weise 
in die Entwicklung einer Kunstübung ein, die 
von Frankreich aus im späteren Mittelalter 
bemerkenswerten Einfluss auf die europäischen 
Kulturzentren geltend machte. Wie nun die Manuskripte der bezeichneten 
Abteilung ein vorzügliches Bild der Gesamtentwicklung unserer Kleinkunst 
auf französischem Boden liefern, anderseits aber auch nur wieder aus dieser 
heraus richtig gewürdigt werden, so ist ein Blick auf die Geschichte jener 
Evolution gerade an dieser Stelle umsomehr geboten, als durch solche 
Würdigung helle Streiflichter auf die übrigen in der Ausstellung vertretenen 
Schreib- und Malschulen fallen. 
Die ersten Abteilungen der Miniaturenausstellung illustrieren in 
entsprechenden Proben zunächst das frühmittelalterliche Scriptorium, dann 
die verschiedenen zentraleuropäischen (auch linksrheinischen) Schreibstätten, 
von denen aus durch die geschlossene Reihe der ausgelegten Bilderhand- 
schriften fast unmerklich der Übergang zu den deutschen und böhmischen 
Schulen des späteren Mittelalters bis zum XVI. Jahrhundert vermittelt wird. 
Den letzten Ausläufern dieser Schulen schliessen sich ohne ein Bindeglied 
die französischen Handschriften des XIII. Jahrhunderts an. Dieses plötzliche 
Abbrechen, wenn man will, diese Umkehr vom XVI. Jahrhundert deutscher 
Kunst zum XIII. Jahrhundert der französischen, ist wohlbegründet, und die 
Arrangeure der Ausstellung haben, jeder ähnlichen Veranstaltung einen 
wertvollen Wink gebend, richtiges Verständnis für die Hauptabschnitte 
künstlerischer Evolution im Mittelalter bewiesen. 
Tatsächlich bedeutet die Zeit, mit der die französische Sektion der 
Ausstellung anhebt - etwa Mitte des XIII. Jahrhunderts - den Beginn einer 
neuen Epoche der Miniaturmalerei. Im frühen Mittelalter sehen wir den 
Geistlichen in der Schreibstube arbeiten, nur ihn und nur für die Gebildeten, 
die ja auch wieder nur Geistliche waren. Er wendet sich vor allem an 
den Verstand und spricht mit Vorliebe in der Sprache, die dem einzigen 
Interessenten, dem Theologen, geläufig ist, in der des Symbols und des 
Gleichnisses. Nur wer dies festhält, vermag die Fülle des Mystisch- 
 
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