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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 6 und 7)

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Symbolischen, das in 
die frühmittelalter- 
liche Miniatur hinein- 
gelegt ist, und von 
dem wir üppige Vor- 
räte gerade in fran- 
zösischenBilderhand- 
schriften aufgespei- 
chert sehen, entspre- 
chend zu würdigen. 
Man hat diese früh- 
mittelalterliche Peri- 
ode der Miniatur- 
malerei nicht unzu- 
treffend die hieratische 
genannt. Ihre Geltung 
erstreckt sich durch- 
aus nicht allein auf 
die französischen 
Schulen, sondem auf 
alle Schreibstätten 
des Abendlandes. 
Der bedeutsame 
Übergang zurzweiten 
grossen Periode der 
mittelalterlichen 
Miniaturmalerei ist j e- 
doch in seinen ersten 
Symptomen beson- 
ders deutlich auf französischem Boden bemerkbar und fällt dort etwa in die 
Regierungszeit Ludwig des Heiligen. Was früher Sondergut der Geistlichkeit 
war, gewinnt nun breiteren Boden; auch der Bürger lernt lesen, ja selbst 
schreiben, und der Schritt zur Säkularisierung des früher ganz geistlichen 
Scriptoriums ist gethan. Laien beschäftigen sich mit Kalligraphie und Mal- 
kunst, die, durch der Herrscher und der Grossen Gunst gefördert, rasch auf- 
blühen und solch weltlicher Gönnerschaft durch Prachtwerke der Kleinkunst 
danken, die der profanen Literatur angehören. Wir erhalten Werke der 
Miniaturmalerei, die sich nicht mehr exklusiv an die Geistlichkeit mit biblischen 
Vorwürfen, Mystik und Symbolismus, sondern an einen viel grösseren Kreis 
von Schaulustigen wenden. Neue Vorwürfe und Vorstellungen erheischen 
Behandlung, für die der seit Jahrhunderten gesammelte Vorrat von Vor- 
bildern nicht mehr ausreicht; die Maler werden zu selbständigem Erfinden 
angeregt und hiedurch veranlasst, zu dem unerschöpflichen, so lange Zeit 
vernachlässigten Vorbild zurückzugeben - zur Natur. Man hat daher 
Bible historiee (cod. 2554)
	        

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