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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 6 und 7)

Ritter sind, so ist - worauf eigentlich gar nicht erst hingewiesen zu werden 
braucht - für Darstellung von Rüstung, Waffen, Kriegsgerät u. s. w. die 
Zeit des Malers massgebend. Ganz vorzüglich detailliert erscheinen die 
Schiffe, richtige Schlachtschiffe aus der Mitte des XV. Jahrhunderts, denen 
wir übrigens auch im Josephus-Codex und in den „Croniques de Jheru- 
salem" begegnen werden. An Grossartigkeit nicht leicht zu übertreffen ist 
die Amazonenburg: man beachte die hinter der Umfassungsmauer hervor- 
lugenden Bürgerhäuser, die in unmittelbarer Nähe der Veste Schutz finden; 
diese Beobachtung erinnert so recht daran, dass das Wort „Bürger" von 
Burg stammt. 
Kaum lässt sich ein schärferer Gegensatz denken als derjenige, welcher 
zwischen der wütenden Kampfszene und der Idylle, die uns Emilia im Burg- 
garten verführt, obwaltet. Die schöne Maid mit wunderbar zarten, über 
Nacken und Schultern herabfallenden Goldhaaren sitzt auf schwellender 
Rasenbank im blühenden Burggarten, flicht Kränze, singt Lieder und scheint 
in reizend unschuldiger Koketterie gar nicht zu bemerken, dass Palemone und 
Arcita, die doppelt bedauernswerten Gefangenen und Nebenbuhler, durch 
das Gitter des Burgverlieses nach ihr auslugemZutreffend bemerkt Chmelarz, 
dass solche Meisterschaft in realistischer und dabei doch zartsinniger Dar- 
stellung auch bei den anerkannten niederländischen Künstlern dieses Faches 
vergeblich gesucht werden dürfte. 
Die drei hier vorgeführten Bilder zeigen, nach wie vielen Seiten hin 
sich das Können ihres Schöpfers betätigte. Sie stammen sämtlich vom 
Meister A, den Durrieu, wie bemerkt wurde, mit Barthelemy de Clerc 
identifizieren will. Irrte er hiebei nicht, so wird man auch seiner Schluss- 
folgerung, dieser Lieblingsmaler Renes sei „destine a prendre a l'avenir 
une place glorieuse dans l'histoire de l'art francais", beipflichten müssen. 
Als tönender Nachhall des reichen literarisch-künstlerischen Konzertes, 
das Rene leitete, stellt sich der „S0nge du Pastourel" des Jean du Prier dar, 
ein Werk, das, soweit bisher bekannt wurde, nur in einer einzigen Hand- 
schrift, im Codex 2556 der Hofbibliothek überliefert ist. In den Rechnungs- 
auszügen des angevinischen Hofes erscheint Jean du Prier als „valet de 
chambre" und „rnarechal des logeys (logis) du roi". Er wird für die „bons et 
agreables Services" belohnt, die er dem König beständig leistete, und ausser- 
dem wird ausdrücklich bemerkt, dass er literarische Aufgaben im Auftrage 
und nach Anweisungen seines königlichen Herrn ausgeführt habe. Er ist 
Verfasser einiger Mysterien (ministeria), denen zur Werdezeit der franzö- 
sischen Bühne eine so bedeutende Rolle zufiel. Wir wissen, dass solche 
liturgische Dramen in Anwesenheit Renes mit grösstem Aufwand und Prunk 
in Szene gingen. Das Bild eines Ahnen unseres Kaiserhauses, den wir als 
unerschrockenen Krieger, vortrefflichen Administrator, Freund der Natur, 
Dichter, Schriftsteller, Gönner der Künstler, ja selbständig künstlerisch tätig 
kennen lernten, offenbart sich uns hier in einer neuen Richtung: Rene 
war ein eifriger Theaterfreund, und so manches plastisch Greifbare und
	        

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