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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 8 und 9)

In dem Bildschmuck des Titelblattes hat Attavantes ein an Reichtum, 
Geschmack und sorgfältiger Durchführung kaum zu übertreffendes Meister- 
werk geschaffen. Die Randleisten legen ein halbes Dutzend herrlicher 
Muster reichster Renaissancezier vor und sind in solcher Feinheit und 
Klarheit durchgeführt, dass sie geradezu als Vorlagen für Goldschmiede 
angesehen werden können. 
Auch in der Hieronymus-Handschrift (cod. 930) erscheint das königliche 
Wappen unberührt; wie aber dieses Wappen an sich schon Variationen 
aufweist, bezüglich welcher unsere allgemeinen Bemerkungen zu ver- 
gleichen sind, so können auch die reich ausgestatteten Randleisten mit 
dem Schmuck der Attavantes-Handschriften nicht'in eine Linie gestellt 
werden. Man hat vermutet, dass sie dem Florentiner Franc. Ant. de Chierico 
zuzuweisen sind. Die in den teils ovalen, teils kreisrunden Eckmedaillons 
erscheinenden Apostel sind mit besonderer Sorgfalt ausgeführt. Ähnlich sorg- 
sames Studium bekunden das Porträt des Königs Matthias in der Mitte des 
linken und das Bild des Erlösers mit der Weltkugel in der Mitte des rechten 
Randes. Grosse künstlerische Feinheit atmet auch die unter dem Titel und 
neben den Text gestellte, den am Schreibpult arbeitenden heiligen 
Hieronymus darstellende Miniatur. Es ist, wie man sieht, keine Initial- 
füllung; das Bild hat sich von solchem Anschluss völlig emanzipiert, diese 
stilistisch vielleicht anzufechtende Freiheit aufs Schönste genützt. Die 
geistige Arbeit ist auf dem Gesicht des würdigen Heiligen vorzüglich zum 
Ausdruck gelangt, nicht minder die Heimlichkeit der Studierstube. Bei 
allem Ernst der Darstellung hat sich der Meister darin gefallen, einen jungen 
Burschen beim Fenster hereingucken und den Kirchenvater bei seiner 
Arbeit beobachten zu lassen. So bewundernswert sämtliche Einzel- 
heiten der Randleisten erscheinen, so kann man sich doch der Empfindung 
nicht erwehren, dass durch die im ganzen überladene Komposition die 
Wirkung derselben wesentlich beeinträchtigt wird. 
Geradezu verschwenderisch ist die Ausstattung der beiden ersten 
Blätter der berühmten Handschrift mit der im Auftrage des Königs Matthias 
Corvinus von Antonio Bonfini hergestellten lateinischen Übersetzung der 
Werke des Philostratus (cod. 25). 
Waagen machte darauf aufmerksam, dass diese beiden Blätter aufs 
engste mit den Miniaturen eines heute in der Bibliotheque Royale zu 
Brüssel aufbewahrten Missales verwandt sind. Dieses Manuskript gehört 
ebenso wie der Wiener Philostratus zu den prächtigsten aller erhaltenen 
Corviniani und trägt die Signatur des Meisters Attavantes, der fünf Jahre 
an ihrer Ausschmückung gearbeitet haben soll. Hierdurch wird Waagen ver- 
anlasst, auch die Miniaturen der Wiener Handschrift „mit Sicherheit dem- 
selben Künstler" beizumessen. In beiden Manuskripten führt das Titelblatt 
in der Mitte die freie Nachahmung eines antiken Triumphbogens mit einem 
Bogen vor. In dem Wiener Exemplar gewahrt man an dem Postament 
einen Kampf von Kentauren, darüber einen Bären an der Kette
	        

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