MAK

Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 8 und 9)

Bedeutung für die Moderne man dermassen 
überschätzte, dass man diese vielfach rund- 
weg als „Stile floreale" anspricht. Zu alledem 
fiel noch ein Umstand entscheidend in die Wag- 
schale - das geradezu unglaublich geringe 
Mass der Bequemlichkeits- und Zweckmässig- 
keitsansprüche, die der ohnedies dünn gesäte 
Mittelstand der italienischen Gesellschaft an 
seine Wohnungen und deren Ausstattung zu 
stellenpflegt. Während in nördlicheren Ländern 
die mit der relativen Bescheidenheit der ver- 
fügbaren Mittel in Einklang zu bringenden 
hohen praktischen Anforderungen des Mittel- 
standes eines der wichtigsten Probleme des 
modernen Kunsthandwerkes bildeten, während 
man dort notgedrungen darauf hingewiesen 
ward, in der Zweckmässigkeit die Schönheit 
zu suchen, entfiel für das italienische Kunst- 
gewerbe dieser wohltätige Zwang seitens des 
heimischen Mittelstandes, der, in seinem Ge- 
schmack gründlichst verdorben durch die 
schundigeWare der den Markt beherrschenden 
Bazare, dem äusseren Effekt die weitgehend- 
 
Ausstellung in Turin. "Mutter und _ _ _ _ 
Kind", polychromiertes Gipsrelief sten Opfer bringt, der für die vermeintliche 
"o" Rohe" Ammg 8a" Londo" „Schönheit" eines Hausgerätes willig die Un- 
möglichkeit seiner leichten Reinhaltung mit in 
Kauf nimmt, der sich mit beispielloser Geduld an den Ecken und Schnörkeln 
seiner geschnitzten Möbel, den unheimlichen Voluten seiner eisernen Bett- 
Stätten stösst, sich tagein tagaus mit widerspenstigen Türklinken und Fenster- 
riegeln abquält, dem der Begriff der behaglichen, bequemen I-Iäuslichkeit im 
Sinne der nördlicheren Völker gänzlich fernliegt. 
So hatten insbesondere die wenigen Kunstgewerbetreibenden, die auf 
den glücklichen, allerdings durch das Programm der Ausstellung inspirierten 
Einfall kamen, billiges modernes Mobiliar auszustellen, die Künstler, die 
solches in der richtigen Erwägung entwarfen, dass nur durch Basierung auf 
die breiten Schichten die Moderne sich wahrhaft popularisieren lasse, nicht 
das geringste Substrat für ihre Schöpfungen. Diese gehören denn auch zu 
den missglücktesten aller ausgestellten Objekte und haben ihren einzigen, 
freilich nicht zu unterschätzenden Wert in der unabweislichen Voraugen- 
führung der gänzlichen Unmöglichkeit, den kleinen Mann, ohne genaueste 
Erkenntnis seiner, wenn auch ihm selbst noch unbekannten, zwecklichen 
und ästhetischen Bedürfnisse mit modernem Mobiliar zu versorgen. 
Die oben besprochenen prinzipiellen Ursachen; die hilflose Hast, mit 
der einzelne Zeichner im ungewohnten Fahrwasser der Moderne in der
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.