MAK

Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 8 und 9)

einheitlichere Ornamentik auf Jahrzehnte hinaus zu versorgen. Staunend 
frägt man sich, wer in dieser Villa auch nur eine Woche lang leben könnte, 
und welche Feenhände es zuwege bringen könnten, sie mit den zartesten 
Pinseln, Flederwischen und Blasebälgen ohne die verheerendsten Folgen 
auch nur ein einzigesmal mit „nordischer Gründlichkeit" zu reinigen! Und 
trotzdem bin ich überzeugt, dass aus all diesem Wust ein ganz erkleck- 
liches Stück gesunder Phantasie herauszuschälen wäre, dass mancher 
hübsche künstlerische Gedanke aus diesem gährenden Gebräu herausreifen 
werde, dass die glänzende technische Fertigkeit, die einem allerorten in die 
Augen springt, nach der massvollen, zielbewussten Künstlerhand schreit, 
die sie im Dienste moderner Zweckkunst zu nutzen wüsste. Auch in diesen 
verheissungsvollen Indizien kann das Villino Lauro als Durchschnitts- 
leistung der italienischen Innendekoration gelten. 
So wenig es aber an Objekten fehlt, die weit unter diesem Durchschnitt 
zurückbleiben i ich denke hier in erster Linie an ein paar geradezu entsetz- 
liche Eisenmöbel, die aus buntlackiertem krausen Ringel- und Schnörkelwerk 
zusammengeknäult sind, und an lächerlich verschrobene und verdrehte 
Korb- und Bugholzmöbel - so zahlreich findet man bei gewissen- 
hafter Prüfung Arbeiten, die diesen Durchschnitt hoch überragen. Als 
ganz untadelhaft freilich kann eine strengere Kritik wohl nur ein ein- 
ziges Interieur der italienischen Abteilung gelten lassen, ein von Ugo 
Cerutti in Mailand nach eigenen Zeichnungen ausgeführtes Damensch1af- 
zimmer. Mit seinen einfachen, eleganten Möbeln aus weissem Ahorn- 
holz, den dekorativen Lorbeerkränzen, deren Blätter in grünem Holz 
eingelegt, deren goldene Beeren aus Metallappliquen gebildet sind, den 
weissen Seidenbezügen, die das Lorbeeromament wiederholen, gehört 
der Raum, der den vornehm zurückhaltenden Geist des Empirestiles aufs 
Glücklichste in die Sprache der Moderne übersetzt, künstlerisch und 
technisch zu den allerbesten Vorführungen der ganzen Turiner Aus- 
stellung. 
Zwei weitere von Cerutti ausgestellte Interieurs, ein Speisezimmer und 
ein I-Ierrenzimmer, sind vorn Architekten Moretti entworfen; sie leiden unter 
allzugrosser Überladung des Dekorativen, das vielfach der Zweckmässigkeit 
im Wege steht: locker an die Wand appliziertes Passementerie-Flechtwerk, 
wie es das Herrenzimmer zeigt, das überreiche, stark unterschnittene 
Schnitzwerk, das im Speisezimmer Lambris und Möbel bedeckt, in baum- 
stammartig knorrigen Windungen die Türen und die Sitznische umsäumt. 
sind zu ausgesprochene Staubfänger, als dass man sie in solchem Umfange 
in Nutzräumen dulden könnte. Aber namentlich im Speisezimmer ist die 
Gesamtkonzeption bei allem Reichtum der Einzelheiten geschlossen und 
harmonisch und zeigt ein schönes, ernstes Talent, das da und dort mit 
Geschick an alte Stilmotive anzuknüpfen weiss: so überzieht den relielierten 
Stuckplafond ein reizendes System von naturalistischem Zweigwerk und 
Bandschleifen, das sich der Künstler, mit sicherem Blick für seine Verwend-
	        

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