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Full text: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 10)

Chronisten eine Modesache ge- 
worden, Morland als Mann zu 
beschimpfen, seine Charakter- 
schwächen zu betonen, und ihn 
als einen abgestumpften, un- 
moralischen, gewissenlosen 
Taugenichts darzustellen! Wenn 
man jedoch die vorhandenen 
Aufzeichnungen über sein Leben 
genau prüft, kann man nur die 
Ungerechtigkeit dieses über- 
raschen Urteiles erkennen. 
Vor allen Dingen war sein 
unzweifelhaft impulsives und 
unstabiles Temperament ganz 
sonderbar liebevoll, grossmütig, 
empfindlich und von Natur aus 
verfeinert, denn nie finden wir 
auch nur eine Spur von Roheit 
in seinem reifen Werke, was umso 
erstaunlicher ist, wenn man die 
Menschenklasse berücksichtigt, 
mit der er in fortwährende Be- 
G.Morland,DerMäher rührung kam, und die Lebens- 
weise, welche er angeblich geführt 
haben soll. Morland war immer frei von gesellschaftlichen Vorurteilen, ein 
Mann, der sich nicht viel um weltliche Ehren und Rang scherte und sich 
weigerte, von seinen Geburtsrechten Gebrauch zu machen. Seine absolute 
Missachtung sozialer Gebräuche und die unbeschränkte Freiheit seines Ver- 
kehrs mit Leuten, die einer tieferen Gesellschaftsschichte angehörten, sind nur 
Manifestationen jener leicht erweckbaren Sympathie, welche einen so liebens- 
werten Zug seines Charakters bildete und ihn befähigte, das „Warum" und 
„Wozu" seiner Umgebung zu begreifen. Gerade dieses warme Verständnis 
und diese Sympathie verleihen seinem Werke so viel Reiz. 
Ein anderer Grund seines abnormen Erfolges als Maler war sein 
natürlicher Abscheu vor jeder Art von Maniriertheit. Maniriertheit kenn- 
zeichnet die Zeit, in welcher er lebte. Wir finden das Werk der grössten 
Maler dieser Periode davon angesteckt. Der anerkannte Zweck der Kunst 
war, die Natur in etwas Ideales zu verfeinern und wir können gut begreifen, 
dass Morlands Verfahren die Männer skandalisierte, welche ihm jenen 
Naturalismus vorwarfen, dem wir heute so herzlich Beifall spenden. Morland 
versuchte nie, die Niedrigkeit zu gloritizieren. Er zeigte einfach, was er sah, 
und malte seine Bauern, wie sie waren, ohne je daran zu denken, sie allegorisch 
zu verwerten. Ihre Einfachheit, ihre Freiheit, ihre Ungebundenheit sprachen 

	        
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