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Volltext: Monatszeitschrift VI (1903 / Heft 2 und 3)

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dann stehen wir vor einer Fälschung und Irreführung, die sich weder durch 
ästhetische Erwägungen, noch durch den Hinweis auf die Unfähigkeit des 
Laien, derartige Unrichtigkeiten zu erkennen, rechtfertigen lässt. Willkürlich- 
keiten beleben die Phantasie nicht, sondern verwirren sie. Das Wichtigste für 
die historisch aufbauende Phantasie ist die Echtheit der ihr zu Grunde 
liegenden Dokumente. Mögen sie auch nur Bruchstücke bieten, wenn nur 
keine entstellende Hand daran gerührt hat. Ein Museum ist kein Maleratelier, 
sondern ein eminent wissenschaftliches Institut, das nur auf Grund dieser 
Wissenschaftlichkeit wahrhaft nützen kann. Wenn daher jene Künstler, 
denen die kulturhistorischen Räume ihr Aussehen verdanken, „vielfach von 
den strengen Anforderungen des wissenschaftlichen Systematikers abge- 
wichen" sind, wie sich der neue Führer durch das Museum etwas euphe- 
mistisch ausdrückt, so ist dies nicht durch den künstlerischen Reiz zu recht- 
fertigen, den diese Räume dadurch gewonnen haben. Dass Künstler sich nur 
allzu leicht hiezu verleiten lassen, ist nur ein Beweis, dass sie bei der Ein- 
richtung von Museen nicht das entscheidende Wort führen, sondern bloss 
als Berater mitwirken sollen. Das nicht genug kritische Vorgehen der 
Architekten Gabriel Seidl und Rudolf Seitz zeigt sich namentlich in jenen 
kulturhistorischen Räumen, die dem späteren Mittelalter und der Renaissance 
zugewiesen sind. Wie es gleichzeitig möglich war, dass in manchen Sälen, 
namentlich im Dachauer-, Italienischen, Maximilians- und im WahYschen 
Saale Vitrinen aufgestellt werden konnten, die mit ihren unförmlichen, 
zeltartigen Regendächern nicht allein an sich einen wenig erfreulichen 
Anblick gewähren, sondern auch die Gesamtwirkung der Säle empfindlich 
stören, ist für den Fernstehenden bei dem sonst so peinlichen Abwägen 
der grossen räumlichen Bildwirkungen einfach unerklärlich. 
Im Obergeschoss bergen 32 Säle die Fachabteilungen. Davon sind 4 den 
Eisen- und sonstigen Metallarbeiten, 2 der Holzschnitzerei, g der Textil- und 
Kostümsammlung (liturgische Gewänder und Schuhe mitinbegriffen) und 5 der 
Keramik gewidmet. 
Überdies befinden sich hier unter anderem die sphragistische, numis- 
matische und Glas-Sammlung, sowie die der Musikinstrumente, Kinder- 
spielwaren, Druckerzeugnisse, Buchdeckel, Spielkarten und Weihnachts- 
Krippen. Im Untergeschoss befinden sich Bauernstuben, Folter- und Straf- 
werkzeuge, Zinnsärge und Wagen. Eine höchst reizvolle Zugabe sind endlich 
die historischen Gärtchen, sowie die nach historischen Motiven ausgestalteten 
Höfe. Eine Bibliothek und ein Studiengebäude vervollständigen die Gesamt- 
anlage nach der wissenschaftlichen Seite ihrer Bestimmung. 
Welche Fülle hingebungsvoller Arbeit und mühevollen Fleisses, welche 
umfassenden Kenntnisse, welch feines Empfinden für stimmungsvolle Raum- 
wirkungnotwendig war, umin nicht ganz sechsjahren einen solchen Organismus 
zu schaffen, das bringt die Publikation, von der diese Ausführungen ihren Aus- 
gang genommen, deutlich zum Bewusstsein. Der Erbauer des Hauses, der 
königliche Spezialkommissär für den Neubau des Bayerischen National-
	        

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