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Volltext: Monatszeitschrift VI (1903 / Heft 2 und 3)

Junus ivieier-uraeie gaben eine Art Text dazu. Die Zusammenstellung beginnt mit den 
Quellen, das heisst mit Bildern alter Meister, bei denen sich bereits impressionistische 
Eindrücke i um uns eine Tautologie zu gestatten 7 anmelden. Der herrliche Vermeer 
van Delft aus unserer Galerie Czernin steht an der Spitze. Rubens, der Hellmaler in dunkler 
Zeit, Tintoretto, der Fleckmaler unter breitanlegenden Zeitgenossen, Velazquez, Goya und 
andere Spanier finden sich zusammen. Der Übergang ergibt sich von selbst. Zunächst 
zu den spanischen Bildern Manets, diesen Tanz- und Stiergefechtsszenen, zur Krinoline und 
zum Mollvorhang der kreolischen „Geliebten Baudelaires", zum blauen Teppich und süd- 
lich matten Fleischton der Malerin Eva Gonzales. Aber die farbigen Flecke, aus denen (für 
die wahrnehmende Netzhaut) das Leben besteht, ändern ihren Charakter, sobald Manet 
auf Velazquez-Goyas Netzhaut verzichtet und seine eigene Retina majorenn wird. Da 
kommen die Pariser Lokaltöne zur Geltung, in jener Unmittelbarkeit, die das Paris der 
Siebziger-jahre für einen Skandal hielt. Da ist das wechselvolle Grün seiner sonnigen 
Vorortegärten, die zerstiebende Farbengarbe der BuiTetdame, das accentweise hingesetzte 
Farbenwesen der Pastellporträts, welche zuletzt die I-Iandübung des Halbgelähmten 
bildeten. Deralte Constantin Guys, der aus einem englischen Illustrator des Krimkrieges ein 
Chikist der Krinolinenzeit geworden war, ist ein Musterstück dieser Accentphotographie. 
Und mit Manet sind alle die Bahnbrecher da. Monet, Renoir, Degas, Pissarro, Sisley, sogar 
Cezanne, der den Leuten am längsten unverdaulich geblieben, und Berthe Morizot, die 
liebenswürdige Schülerin und Schwägerin Manets. Man sieht bei Monet die moderne Land- 
schaft erstehen, mit dem Wasser aller Wässer und dem Schnee aller Schneee, und bei 
Pissarro die moderne Strasse_nvedute voll Sonnenschein und Sonnenschatten, deren violettes 
Wesen er zuerst beobachtet und wiedergegeben hat. Die Ballet- und Chantanteffekte Degas' 
eröffnen eine neue Welt. Die Voraussetzungslosigkeit Cezanne's, der jede Farbe in 
ihrer absoluten Konzentrierung sieht, wird die Quelle, aus- der ein Teil des Nach- 
wuchses schöpft. Bonnard, Vuillard, Roussel, welche die letzten Möglichkeiten in 
dieser Richtung zu erreichen scheinen. Aber ihnen gegenüber stehen die Stilisten. 
Puvis de Chavannes und der Übemaive der Richtung, Maurice Denis, dern sich 
Form und Farbe zu einer Stilisierung des Stiles durcharbeitet. Und noch andere Stil- 
versucher, Vallotton und Odilon Redon, in denen Japan steckt, Tokio an der Seine; um es 
augenfälliger zu machen, sind der Ausstellung auch eine Anzahl ausgesuchtejapanische 
Farbenholzschnitte einverleibt. ZweiAparte, die abseits stehen, sind Vincent Van Gogh, der 
durch Selbstmord endete, und Toulouse-Lautrec, der gräiiiche Krüppel. Van Gogh erscheint 
hier zum ersten Mal, Lautrec war nur aus Plakaten bekannt. Van Gogh vergiftet sich in 
jedem Bilde mit seinen heftigen Farbenextrakten. Nec ultra, heisst es jedesmal. Toulouse- 
Lautrec hat sein persönliches Missgeschick in eitel Grausamkeit der Charakteristik und 
Färbung umgesetzt. Beide sind etwas, was man ewig iin de siecle nennen wird. Ein Profil- 
bildnis Van Goghs von Toulouse-Lautrec, in gespensterhaft körperlosen Farbenkreiden, 
ist der rechte Ausdruck von subjektivem und objektivem Unglück. Um die verschieden- 
artigen Ausstrahlungen des impressionistischen Prinzips ersichtlich zu machen, sind auch 
Bilder von Whistler, Besnard, Cottet, Simon, La Touche, Forain, Liebermann, Slevogt, 
Seurat und Rysselberghe, meist aus der letzten Zeit, ausgestellt. Da sieht man denn die 
Schwarzen und die Hellen, die Wuchtigen und die Flackrigen, diePünktlerund die Flächler 
aufrücken, jeden in seiner Weise überzeugt und überzeugend. Es gibt nichts Alleinselig- 
machendes mehr als das Talent. Die impressionistische Plastik ist etwas weniger Einleuch- 
tendes, aber ohne Zweifel Existentes. Sie hat auch ihre Vorgeschichte, schon in der 
Barockzeit, dessen Überbietungs- und Erfindungstrieb ja so viele Keime vonheute aufstieben 
und ungenutzt wieder zerstieben liess. Ob gerade Caffieri und Houdons Diana in dieses 
Kapitel gehören, sei dahingestellt, in den zahlreichen Arbeiten Carpeaux' kündigt sich das 
Prinzip deutlicher an. Meunier, Charpentier, Carabin, Fix-Masseau, Rodin, Medardo Rosso 
und andere bringen ihre Zuschüsse zum modemistischen Geiste. Von Rodin sieht man neu
	        

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