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Volltext: Monatszeitschrift VI (1903 / Heft 6 und 7)

jetzt allgemein den Biedermeier- 
stil nennen, und der sich bis gegen 
die Mitte des Jahrhunderts erhält. 
Ich sagte, er sei seinem Wesen 
nach etwas eigenes, etwas an- 
deres als die vorausgegangenen 
Stile, und das können wir leicht 
empfinden, wenn wir ein Interieur 
dieser Zeit besichtigen, wobei 
wir sofort erkennen, dass das 
Prinzip der Raumgestaltung ein 
vollständig anderes ist, als im 
Empirestile. Nicht mehr die 
Symmetrie ist in einem solchen 
Raume das Wichtigste, sondern, 
' um es allgemein zu sagen, die 
Bewohnbarkeit, die Möglichkeit, 
_ alle Einrichtungsgegenstände 
Trumeau, Mahagoni, poliert, mit Bronzebeschlägen ihrem Zwecke entsprechend zu 
gebrauchen, und rasch haben wir 
ein Verhältnis zu all den Gegenständen gefunden, weil wir die Überzeugung 
gewonnen haben, dass sie uns alle in unseren Unternehmungen unterstützen 
wollen, dass sie nur darauf warten, uns zu dienen und uns das Leben 
angenehm zu machen. Es ist dasselbe Prinzip, das wir im gotischen Wohn- 
raume, bei den gotischen Gebrauchsgegenständen kennen gelernt haben, das, 
wie oben erwähnt, darin besteht, dass das Möbel so konstruiert ist, wie es 
sich von selbst ergibt, wenn man sich nur immer vor Augen hält, zu welcher 
Funktion dieses Stück dienen soll. 
Wie aber kommt es, so fragen wir uns, wenn wir diese Räume und 
Möbel der Biedermeierzeit uns vor Augen halten, dass das so dezidierte und 
hochentwickelte ästhetische Kunstprinzip der Symmetrie plötzlich verlassen 
wird und man den gegenteiligen Grundsätzen einer praktischen Nutz- 
einrichtung Folge leistet? Wie ist es möglich, dass, nachdem man in 
Deutschland seit der Renaissancezeit, wenn auch im Anfange nicht so 
energisch, aber immerhin durch Jahrhunderte dem Ziele einer von künst- 
lerischen Motiven geleiteten, auf künstlerisch-ästhetischen Grundsätzen 
basierten symmetrischen Nutzkunst zugestrebt hat, plötzlich das Ziel ein 
ganz anderes wird? 
Der Beantwortung dieser Frage können wir etwas näher kommen, 
wenn wir die Entwicklung des Kunstgewerbes in England verfolgen und 
sehen, welchen Weg die englische Kunst der Errichtung und Ausgestaltung 
von Wohnräumen genommen hat. Wenn auch für unsere Frage die zweite 
Hälfte des XVIII. Jahrhunderts die wichtigste Periode ist, so müssen wir 
doch, wenn auch nur flüchtig, uns klarmachen, wo diese Art der Kunstübung 

	        

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