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Volltext: Monatszeitschrift VI (1903 / Heft 8 und 9)

Beherrschung des Stoffes war 
vorhanden, seine Schmuckge- 
genstände waren nicht gänz- 
lich uninteressant, aber wahr- 
haft befriedigen konnten sie 
ebenfalls nicht, und zwar 
hauptsächlich infolge der ein- 
gangs erwähnten Mängel. Sie 
waren alles eher als das was 
man „reizend" nennt. Da wird 
nun mancher einwenden, dass 
die Ursache dieses abfälligen 
Urteils viel mehr in unserem 
Mangel an Verständnis liege 
als in derQualitätjener Objekte, 
denn diese passen sich tatsäch- 
lich der modernen Kleidung 
Blllmentopfständer von W. J. Neatby an, und das Sei doch ein VQr. 
zug, der sie von vornherein als 
mustergiltig erscheinen lassen muss. S0 ist es aber nicht. Die Goldschmiedekunst war 
stets unter allen Kunstgewerben das höchststehende, das der hohen Kunst am nächsten 
verwandte. Kein Kunstgewerbler schafft mit grösserer Freiheit und Ungebundenheit hin- 
sichtlich des praktischen Nutzens und der Verwendbarkeit seiner Erzeugnisse als der 
Goldschmied. Selbst der Architekt, dessen Beruf doch zu den akademischen zählt, ist 
gebundener als er. Sein Handwerk bildet die Brücke zur hohen Kunst. Daher sind auch 
so viele Maler der italienischen Renaissance aus Goldschmiedewerkstätten hervor- 
gegangen. Das Schneiderhandwerk dagegen zählt zu jenen Gewerben, die auf 
der ersten Stufe der Leiter zur hohen Kunst stehen. Ein grosser Abstand trennt 
unsere Tracht von den Erzeugnissen der hohen Kunst. Wenn sich also der Schmuck 
der modernen Kleidung anpassen will, so hat er prinzipiell zwar vollkommen recht. 
Aber er hat unrecht, wenn er meint, er müsse deshalb auf das tiefe Kunstniveau 
der Kleidung herabsteigen. Er soll mit der Kleidung harmonieren, aber zugleich 
der hohen Kunst näher stehen als irgend ein anderes Erzeugnis des Kunstgewerbes. 
Unser Schmuck ist kein Applikationsschmuck, wie er es in verschiedenen anderen 
Geschichtsperioden war, er ist ein Akzentschmuck. Er soll in nicht allzu aufdringlicher 
Weise, aber für den Wissenden doch deutlich genug, das feinste ästhetische Empfinden 
des Schmuckträgers zum Ausdrucke bringen. Der demokratische Charakter der Kleidung 
soll durch ihn einen leisen aristokratischen Beisatz erhalten. Das ist sein Sinn, sein Zweck. 
Von diesem Gesichtspunkte ausgehend muss zugegeben werden, dass Ortliebs Entwürfe 
im Vergleiche zu denen Van de Veldes tatsächlich einen kleinen Fortschritt aufweisen. 
Sehen wir jedoch von dem Endziele, das erreicht werden soll, auf diese Kompositionen 
zurück, dann zeigt sich, dass von ihnen bis zur Erreichung dieses Zieles noch ein recht 
weiter Weg zurückzulegen ist. Folnesics 
NEUE MÖGLICHKEITEN IN DER BILDENDEN KUNSTH" 
In temperamentvoller Weise ergeht sich Hermann Obrist, der Münchener Bild- 
hauer und unermüdliche Vorkämpfer der neuen Richtung, in allerlei Betrachtungen 
über Aufgaben und Werdegänge in der modernen Kunst und erweist sich in der Art, wie 
er an die verschiedensten Probleme herantritt, als warmblütiger Verfechter einer idealen 
Auffassung des Lebens und der Kunst, als ein rastlos Strebender, der unermüdlich auf 
 
"j Hermann Obrist, Bildhauer. Neue Möglichkeiten in der bildenden Kunst. Essays. Verlegt bei Eugen 
Diederichs, Leipzig 1903.
	        

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