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Volltext: Monatszeitschrift VI (1903 / Heft 12)

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DIE NADELMALEREIEN DER FRAU 
HENRIETTE MANKIEWICZ SC- VON 
MORITZ DREGER-WIEN 50 
EHR oft, wenn ich neue Stickereien sehe, wird 
mir das Titelkupfer eines alten, deutschen Stick- 
musterbuches - ich glaube, es stammt aus dem 
XVII. Jahrhundert - wieder in Erinnerung 
gerufen. 
Da sitzen an einem Tische, den ein wunder- 
voller Blumenstrauss ziert, mehrere vornehme 
Damen und sticken die Blumen ab, die sie 
im Glase vor sich haben. Da wurde mir erst klar, 
was Nadelmalerei eigentlich bedeuten könnte. 
Wie selten kann man das heute im Leben beobachten! 
Gewöhnlich wird nachVorlagen gearbeitet; auch sind die Blumen oft gar 
wunderschön auf den Kanevas gemalt oder mit bunten Fäden roh angelegt. 
Bei Arbeiten, die streng stilisiert empfunden sind, liegt die Sache ja 
anders; wenn man aber naturalistische Formen wiedergeben will, dann 
darf man solche Umwege nicht machen, wie sie heute gemein sind. 
Jede Nachahmung eines Naturgegenstandes durch die Kunst gleicht 
der Übersetzung eines Gedankens in eine andere Sprache: das ist un- 
vermeidlich. Man darf aber nicht Übersetzungen von Übersetzungen 
machen. 
In Seide und Wolle muss man die Farben und Lichter ganz anders 
festhalten, als in Wasser- oder Ölfarben oder Kreiden. 
Man muss mit der Nadel die Farbe und das Glanzlicht direkt hinsetzen 
können wie mit dem Zeichenstifte oder dem Pinsel; man muss die Wirkung 
beim Arbeiten sofort sehen und mit dem Originale vergleichen, damit man 
den Nebenstrich oder den Nebenstich darnach richtet. 
So sind die herrlichen alten Barock- und Rokokostickereien geschaffen, 
so zaubern auch die Japaner ihre Nadelmalereien auf die Seide. 
Die Japaner haben dieser Art der Malerei noch eine besonders feine 
Ausbildung gegeben. Sie drucken oder malen tatsächlich auf die Seide und 
setzen nur jene Partien in Stickerei auf, die sich durch Seidenstiche besser 
wiedergeben lassen, als auf jede andere Weise. Der Glanz einer im Tau 
glänzenden Blume, das Schillern eines Vogel- oder Schmetterlingsl-liigels, 
das Glitzern des Schnees oder stürzenden Wassers kann kaum mit einem 
anderen Materiale so frei und leicht wirkend dargestellt werden, wie mit 
einem geschickt angebrachten Seidenstiche. 
Was die letzte Pariser Weltausstellung in dieser Beziehung bot, waren 
wirkliche Kunstwerke. Und es waren auch wirkliche Künstler, die das 
geschaffen haben. 

	        

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