MAK

Volltext: Monatszeitschrift VI (1903 / Heft 12)

AUS DEM WIENER KUNSTLEBEN 50 VON 
LUDWIG HEVESI-WIEN 50' 
ÜNSTLERHAUS. Eine ansehnliche „Studien- und I-Ierbstausstellung" ist das 
erste Lebenszeichen der Saison. In- und Ausland haben dazu tüchtig beigesteuert. 
Und auch ein gesellschaftliches Sonderinteresse ist vorhanden, da zwei Maler der euro- 
päischen I-Iaute-Volee ganze Kollektionen ihrer vornehmen Bildnisse zur Ansicht bringen. 
Es sind dies Josef Koppay in Wien und unser Landsmann Emil Fuchs in London. Koppay, 
der zuerst durch ein grosses Porträt der Kaiserin von Russland allgemein bekannt 
geworden, ist, wie Laszlö, auf den Spuren Lenbachs und der englischen Porträt-Trias 
Gainsborough-Romney-Lawrence zu sich selbst gelangt. Sein I-Iauptzug ist ein unaus- 
rottbarer Schick, der sich mitunter mehr äusserlich betätigt, in den besseren Bildern 
aber zu malerischer Qualität wird. Man sehe die anmutigen Porträts der Erzherzoginnen 
Marie Valerie und Elisabeth, der Fürstin Lubomirska und die Kinderporträts, für deren 
Kindlichkeit der Künstler einen eigenen Sinn hat. Seinen eleganten Eigenschaften nach 
zunächst Erauen- oder vielmehr Damenmaler, weiss er sich übrigens jetzt auch schon 
männlich zusammenzuraffen und ein Beweis solcher kräftiger Konzentration ist das 
charakteristische Prolil-Sitzbild in halber Figur des Erzherzogs Franz Ferdinand, das, in 
ein grau gehaltenes Oval hineinarrangiert, durch den Gegensatz der Lebensfarbe glücklich 
wirkt. Emil Fuchs hat uns vor etwa sechs Jahren als Bildhauer verlassen und erscheint 
als Maler wieder. Wenigstens bilden die grossen gemalten Porträts das Gros seiner 
Ausstellung. Obenan steht ein imposantes Kniestück König Eduards VII. in der Uniform 
seines preussischen Dragonerregiments, das etwas hart geblieben ist. Das Sitzbild unseres 
Botschafters Grafen Deym, in goldgestickter Diplomaten-Tenne, ist weitaus dekorativer, 
desgleichen ein Damenporträt in schwarzem Samt und eine Farbenskizze: Gräfin Deym 
in ihrem Salon. Auffallend ist bei Fuchs eine Neigung, den Gesichtern etwas Wächsernes 
zu verleihen. In dieser Hinsicht gehen zwei I-Ierrenköpfe (Direktor Glaser und Val. Davis) 
bis zur panoptischen Augentäuschung. Im allgemeinen ist der Kampf um die malerische 
Technik bei ihm noch nicht überwunden. Auch seine Plastik hat jetzt ihren eigenen Zug, 
der gewiss als britisch anzusprechen ist. Man glaubt die Büsten eines Canova-Nachfolgers 
zu sehen. Alles malerische Element ist verbannt, die Form mit einer stilisierten Trockenheit 
gegeben. Selbst die lyrische Erscheinung Paderewskis ist in dieser Weise stearinisiert, 
wie man sich ausdrücken möchte. Als Gegensatz dazu sehe man die leidenschaftlich- 
malerische Frauenbüste: „Der Griff des Todes", die noch in Italien entstanden sein dürfte. 
Ganz empiremässig ist auch das nackte Baby „Marquis of Blandford", das Söhnlein des 
Herzogs von Marlborough und der MissVanderbilt; es erinnert an die summarisch gegebene 
Anmut der Modelle für die „Kindln" unserer einstigen Wiener Porzellanmanufaktur. 
Ein bedeutender Ausländer ist der belgische Maler I-Ienry Luyten, dessen grosse Bilder 
einen der I-Iauptsäle füllen. Er steht ungefähr zwischen Israels und Courtens, hat aber 
seinen eigenen Charakter von Sozialmalerei. Ein breiter düsterer Kolorismus herrscht vor; 
Sonne ist bei ihm selten, obgleich er sie hat, wie das grosse Bild: „Ziegelarbeiterinnen" 
zeigt. Das Hauptstück der Kollektion ist ein ungeheures Dreibild: „Der Streik." Die 
mittlere Szene stellt eine Arbeiterversammlung in geschlossenem Raume vor, auf 
schmutzige Blusen gestimmt, hart von Geberde, real bis aufs Messer, aber ohne eigent- 
lichen malerischen Wert. Die Seitenstücke haben mehr Stimmung; die der Trostlosigkeit. 
Die jungen Leute von Wien sind in der Ausstellung durch den sogenannten "Jungbund" 
vertreten, der sich ein gustiöses weisses Kabinett eingerichtet hat. Es sind da einige 
hübsche Talente: die Schneemaler Friedrich Beck, Ad. Gross, Otto Barth, der Plastiker 
Karl Philipp, die Porträtrnaler J. I-Iendel, W. Wodnansky, der Graphiker Comploj. Ein 
tüchtiges Bild von ruhiger Freilichtstimmung ist der „Passübergang" von Gustav Jahn. 
Eine Studiensammlung aus Taormina hat Jehudo Epstein ausgestellt, nicht ohne etwas
	        

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