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Volltext: Monatszeitschrift VI (1903 / Heft 12)

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verschiedener Pose und ge- 
ringer Änderung des Aus- 
druckes, getreu wiederholt 
ist. Die beiden Statuen 
waren eben roh ausgebaut, 
als Michelangelo Carrara 
verliess, um vertrauensvoll 
nach Rom zurückzukehren, 
wo seiner so viele Ent- 
täuschungen harrten. 
Es hat keinen Zweck, 
hier die Intriguen und 
Zwiste weiter zu verfolgen, 
welche den Künstler nach 
Florenz trieben. Nach seiner 
Versöhnung mit dem Papste 
im Jahre 1507 kehrte er nach 
Rom zurück, um die Aus- 
schmückung der Sixtini- 
schen Kapelle vorzunehmen. 
Es scheint, dass der „Schla- 
fende Sklave" fertiggestellt 
wurde, ehe der Künstler sich 
an die zweite Hälfte der 
Wölbung machte. 
Nach der Eröffnung Der gefesselte Sklave von Michelangelo (Paris, Louvre) 
 
der Sixtinischen Kapelle 
änderte der Papst seine Pläne behufs des Denkmals und entschied sich zu Gunsten 
eines neuen, kleineren Entwurfes. Michelangelo kehrte nach Florenz zurück, wo er 
sicherlich an der Statue des gefesselten Sklaven arbeitete; beide Statuen blieben jedoch 
unfertig. 
Julius II. starb im Jahre x5x3. Sein Nachfolger Leo X. beschäftigte den Meister an 
zahlreichen Arbeiten und erst nach seinem Tode konnte das Grabmal wieder in Angriff 
genommen werden (i522-i523). Aber von neuem wurden Michelangelos Absichten 
gestört. Im Jahre x53! ward ein neuer Vertrag abgeschlossen, nach welchem die Dimen- 
sionen des Denkmals abermals vermindert wurden. Michelangelo verpflichtete sich, sechs 
Statuen eigenhändig anzufertigen und die Arbeiten zu beaufsichtigen, bis zur Errichtung 
des Grabmals in San Pietro in Vincoli. 
Nach vielen weiteren Enttäuschungen und Verzögerungen erkrankte Michelangelo 
im Jahre 1544. Nach seiner Genesung schenkte er die beiden Sklaven, für welche an dem 
so sehr reduzierten Denkmale kein Raum mehr war, dem Roberto degli Strozzi, in dessen 
Palaste er von seinem Freunde Luigi de Riccio gepHegt worden war. 
Strozzi sandte später die beiden Statuen an Franz 1., König von Frankreich. Heute 
stehen sie im Louvre und sind dort die einzigen Proben von Michelangelos Genie. 
Die Büste eines Sklaven blieb, wie manche andere Werke des Meisters, in Italien, 
bis sie von Herrn Ravaisson-Mollien, dem Conservateur du Musee du Louvre, entdeckt 
und nach Frankreich gebracht wurde, um seiner Sammlung einverleibt zu werden. 
Dass die Büste wirklich ein Werk Michelangelos ist, unterliegt wohl keinem 
Zweifel. Man muss sie gesehen haben, um von der herrlichen, meisterhaften Arbeit einen 
Begriff zu bekommen. Speziell die Schultern und der Hals, die Schwellungen und Ein- 
buchtungen des Fleisches, sind auf eine Weise gefühlt und wiedergegeben, welche die 
Hand des grössten aller Meister untrüglich verrät. Wenn die Büste nicht Michelangelos
	        

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