MAK

Volltext: Monatszeitschrift VII (1904 / Heft 3 und 4)

der in deutlichem Zusammenhange mit dem Geschmack der 
pompösen Ballets und Maskeraden steht. 
Die Jahreszeiten erscheinen, die Figuren des Schach- 
spiels stellen ein heroisches Gruppenbild, die Pax sitzt 
unter einer Fahnentrophäe, ein Uhraufsatz wirkt mit seiner 
Genieninszenierung wie die Apotheose einer Festpantomime: 
.„Der Triumph der Stunden." 
Beliebt ist der Mummenschanz der fremden Volks! 
tracht, die poetischen und romantischen werden dabei 
bevorzugt, spanische Tänzerinnen, italienische Musikanten, 
ritterliche Polen. 
Mythologisches nimmt natürlich auch einen grossen 
Platz ein. Der galante Olymp steigt herab und bewegt sich 
zierlich und höfisch ä la mode. Sevres liebt diese Motive in 
Biscuit: Faune und Nymphen, die Anakreontik der Gemmen- 
poesie, die Szenerien der griechischen Anthologie. Der 
Plastiker ist Etienne Maurice Falconet. Häufig sind 
diese Biscuits Verkleinerungen grosser Marmorgruppen, 
so der Pygmalion, der vor der belebten Galatea auf die 
Knie sinkt. 
Bürgerlich Realistisches gibt es daneben, besonders 
aus den kleineren deutschen Manufakturen. In Ludwigs- 
burg, dessen Spezialität in den kostbaren Tafelaufsätzen für 
den prachtliebenden Herzog Karl lag, schuf Johann Christian 
Wilhelm Beyer seine liebenswürdigen Figürchen aus dem 
täglichen Leben. Und noch inniger widmete sich der Umwelt 
Johann Peter Melchior, der Künstler von Höchst; Chodo- 
wiecki, Hagedorn, Voss finden ihren Gefährten in diesem 
still-beschaulichen Porzellan-Alltagsdichter. 
Genrebilder, kleinbürgerliche Familienszenen werden 
dargestellt. Eine Gruppe schildert Mutterglück ohne alle 
süssliche Empiindsamkeit, sondern mit derbkräftigem 
Behagen. Die Kinderwiege mit den zerdrück- 
ten Kissen ist mit ausgesprochenem Ver- 
_ gnügen an der Wirklichkeitswiedergabe 
gebildet. 
Merkwürdigerweise werden auch höh- 
sche Vorgänge mit solchem ungeschrninkten 
Realismus illustriert, wie jene Meissener 
Gruppe zeigt, mit August dem Starken als 
Mixturgläsern umgeben. 
behaglich bei. 
 
Kopf eines 
Nubiers 
Attisches Grabgefeiss 
(Hofmuseum in Wien) 
Gichtbrüchigem von einer seiner Töchter gepiiegt und von Flaschen und 
Kuriositätsreiz hat es, wenn diese realistische Neigung sich vermischt 
mit der Exotik. Dann entstehen jene Chinoiserien (die Meissener Stücke von 
Herold illustrieren das), die wirken, als hätten sich die Figuren aus dem 
70. Geburtstag oder aus Hermann und Dorothea in fabelhafte östliche 
Kostüme gesteckt und behielten dabei aber ihre Gewohnheit und Art 
der deutschen Kleinstädter oder der Philister des Osterspazierganges 
Neben solchem bourgeoisen Realismus steht ein Realismus der Eleganz, 
der mondänen Kultur. Die Koketterie und den Charme der Frauen der grossen 
Welt gilt es in Porzellaniigurinen zu bannen. Die Nuancen der geblümten
	        

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