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Volltext: Monatszeitschrift VII (1904 / Heft 3 und 4)

Stoffe, Bewegungsrhythmus, die Delikatesse des Umrisses, das Spielen der Kleiderfalten 
beim graziösen Schreiten, das werden dankbare Aufgaben. Und ihre bestrickendste 
Erfüllung finden sie in Nymphenburg. Zwei erlesene Figürchen der Darmstädter Kollektion 
Poru-ätmedaille von Antonio Abbondio (l-lofmuseum in Wien) 
 
geben hiefiir Beispiel. Voll sprühender Verve, mit momentanem Griff sind sie gefasst und 
ihre Gewänder sind mit koloristischer Finesse abgestimmt. 
Wie die Ahnen moderner impressionistischer Frauenplastik in Terrakotta und 
Porzellan wirken sie, wie Verwandte der Damen des Desjean und De Feures aus dem 
achtzehnten Jahrhundert. 
Pompöser, repräsentativer sind die Meissener Krinolinfiguren von Kändler. Grosse 
Kunst liegt in der Modellierung der Silhouetten, in der grosszügigen Behandlung dieser 
schweifigen Kleiderarchitektur. Subtil ist die Farbengebung. An Email cloisonne wird 
man bisweilen bei den tiefen grünen und blauen Lustertönen auf schwarzem Grunde 
erinnert. Diese Porzellanplastik hat auch grosses Interesse für die Tierwelt. Während 
heute Kopenhagen die Alltagstiere bevorzugt, sucht sich jene alte Kunst das Rare und 
Barocke der Menagerien oder die Geschöpfe koloristisch verschwenderischer Naturlaunen. 
Papageien mit gesträubtem gelb und rotem Gefieder sind die eigentlichen Porzellan- 
vögel. Ihre abenteuerlichen Formen und Farben mit dem Duft wunderbarer asiatischer 
Ferne entsprechen dem Zeitgeschmack, die Kakadus sind in ihrer Auffassung für die Tier- 
welt das, was die langzöpiigen Chinesen in bunt geblümtem Seidenkleid für die 
Menschenwelt bedeuten. 
Auch die „indianischen" und „kalekuttischen" Hähne, die ernailschimmernden Gefieder 
der Perlhühner und der Fasanen sind lockende Muster. 
Dabei fehlt der bürgerlich genrehafte Zug nicht, man findet ihn namentlich bei der 
Hundedarstellung. Die Meissener Möpse als ehrbare Wächter eines Tintenfasses 
belegen das. 
Ein ganzes Reich für sich bilden die Porzellangrotesken und sie haben auch einen 
eigenen Sammler in Herrn Wilhelm Gumprecht gefunden. Die Freude am Kurieusen und 
Monströsen, an Hofnarren und Zwergen hat sie geschaifen. Vorbildliche Nahrung empfing 
sie durch chinesische Pagoden, die sehr gern nachgebildet wurden. Aber auch viel 
eigenes entstand, ein „Hof der Wunder", ein Raritätenkasten der Abnormitäten ist die 
Gumprechtsche Vitrine. Ein anregendes Thema müsste es sein, die literarischen, male- 
rischen und Zeitbeziehungen dieser Fratzen und Grimassen zu studieren. Zusammenhänge
	        

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