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Metadaten: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 7 und 8)

ZUR THEMATIK DES TASSILOKELCHES 
Von PANKRAZ STOLLENMAYER 
Trotz seiner 1200 Jahre strahlt auch heute noch der Tassilokelch 
im Glanze seines Schmuckes. Man findet auf ihm kein Fleckchen, 
das nicht mit Zierat bedeckt wäre. In dieser Fülle von Bildern, 
Palmetten, Flechtwerk und anderen Verzierungen verdient eine 
kleine, etwas nach rechts Verzogene, aus vier Punkten zusam- 
mengesetzte Rhombe eine besondere Beachtung; nicht so sehr, 
weil sie nur einmal am Kelch aufscheint, sondern weil sie eine 
besondere Funktion hat. Die Figur befindet sich im oberen Zwik- 
kelfeld der beiden liußbilder mit den Buchstaben IB und TM. 
Zieht man über die untere Spitze der Rhombe eine Vertikale, 
so schneidet sie das Heilandsbildnis an der Kuppa ungefähr in 
der Mitte und teilt den Kelch in zwei gleich aufgebaute Hälften. 
Das ist also die Hauptansicht des Tassilokelchcs. Um das Zen- 
tralbild des throncnden Heilandes an der Kuppa reihen sich 
rcchts und links je zwei Evangelistemivom Fuß aus wird es von 
Bildnis der Gottesmutter Maria auf dem Fuß des Tassilokelches von 
Kremsmünster. 8. Jahrhundert. 
den beiden Heiligen IB und TM flankiert, denen sich noch zwei 
weitere Bilder anschließen. 
Wie die in Kupfer gegossene Kuppa, die äußere, die ursprüng- 
lich noch eine aus Gold bestehende innere besaß, schon ihrer 
Größe nach - sie faßt etwa 13,1 Liter - die Hauptmasse des 
Kßlches darstellt, so sind auch ihre fünf großen, in Silherniello 
aufgelegten Bilder der bedeutendste Schmuck am Kelch. Josef 
Braun SJ, wohl der beste Kenner der Kirehengeräte, sagt darü- 
ber': „Das früheste Beispiel eines mit Bildwerken versehenen 
Kßlehes, das im Wlcsten auf uns gekommen ist, reicht nur ins 
8. Jahrhundert. Es ist der . .. Tassilokelch. Er ist aber nicht nur 
das früheste Beispiel, . .. das sich daselbst erhalten hat, sondern 
aus der Zeit vor dem 12. Jahrhundert (l) auch das einzige seiner 
Art. .. selbst unter den Kelchcn, die sich aus dem 12. Jahrhun- 
dert im Westen gerettet haben, befinden sich nur erst wenige, 
die mit Bilderschmuck ausgestattet sind." 
Welches Thema wurde dem Künstler des 8. Jahrhunderts zur 
Ausführung gestellt? Wie hat er seine Aufgabe zu lösen versucht? 
Unglaublich ist die Spannkraft der Komposition in den Kuppa- 
bildcrn. Nicht der Evangelist steht in nächster Beziehung zum 
Heiland, sondern das entsprechende Symbol; also rechts vom 
Heiland der Engel und dann Matthäus, links der Löwe und dann 
Markus, wieder rechts der Stier und dann Lukas und links der 
Adler und dann Johannes. Wie „Sturm und Feuer und Lieht und 
Geist" (Ezechiel 1,4) strömt es in und aus diesen Symbolen, wäh- 
rend die Evangelisten körperlich und geistig den passiven, auf- 
nehmenden Tcil darstellen. Hier ist keine Spur von der Schrift- 
stellerpose, wie man sie - in Anlehnung an die Schriftsteller- 
bilder des späten Altertums - fast überall bei den Evangelisten 
findet. Ihre Gestalt ist jugendlich, schmiichtig, hartlos, ohne Hei- 
ligenschein und vor allem ohne jegliche Pose. Sie wollen mehr 
Typus als Individualität sein; Typus nicht eines selbstsicheren, 
innerlich fertigen Menschen, der es „geschafff hat, sondern einer 
„Ich"-freien, der göttlichen Führung hingegcbcnen Seele; Instru- 
mente, auf denen und durch die der Geist restlos wirken kann. 
Um die Bedeutung dieser Bilder zu würdigen, darf man nicht an 
den Verzeichnungen und der mechanischen Durchführung ein- 
zelner Teile hängen bleiben. Der Meister zeigt in der Herausar- 
beitung seincr Gestalten viel Geist, hat aber in der Technik noch 
große Schwierigkeiten zu überwinden, obwohl ihm bestimmt 
ältere Vorlagen zur Verfügung standen. Umso höher ist es zu 
werten, daß es ihm trotzdem gelang, den tiefen geistigen Inhalt 
der Offenbarungen Ezcchiels (2.4) wiederzugeben. 
Das erste Bild zeigt die mächtige Gestalt des Matthäus- 
Engels. Der sehr realistische Kopf mit dem straffen, qucrgebun- 
denen Haar und den mildblickenden Augen ist samt dem kräftig 
gebauten Oberkörper etwas vorgcncigt, dem Beschauer entge- 
gen. Ungemein sprechend sind die Hände. Den linken Arm führt 
der Engel gerade vor sich hinunter und hält die offene Hand- 
fläche einladend dem Beschauer entgegen. Der rechte Arm ist 
vom Ellbogen ab in einem spitzen Winkel nach links oben ge- 
bogen, überquert dabei den linken Arm und die nach innen 
offene Hand weist auf das Heilandbildnis. Eine Komposition von 
fast zudringlicher Liebenswürdigkeit und gewinnendem Seelen- 
eiferl Daneben sitzt eine jugendliche Gestalt auf einem Lehn- 
sessel. Der rechte Arm stützt sich auf die Sessellehne, während 
seine leiehtgebogene, halbgeschlosscne Hand bequem unter das 
Kinn gelegt ist. Die ganze Haltung spricht vollkommenes Gelöst- 
sein aus. Aber die Figur mit dem herrlichen Haar ist von großer 
l Braun Josef, Das christliche Alttsrgerät in seinem Seln ulttl llt sollte! Ent- 
Wicklung. München 1922.
	        

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