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Volltext: Monatszeitschrift VII (1904 / Heft 10)

KLEINE NACHRICHTEN Sie 
ERLINER DEKQRATIVE CHRQNIK. Was man in Wien und in Paris, 
durch Felix Auberts Entwürfe vor allem, versucht hat: der Spitzenkunst Motive aus 
neuer Formsprache zuzuführen, das findet jetzt auch in Deutschland Nachfolge. 
Wie Aubert für die nationale Chantillytechnik moderne Zeichnungen machte, so 
fertigte Xenia Krüger für die Nadelspitze des Riesengebirges Muster. In der grossen 
Berliner Kunstausstellung sieht man hiervon Proben und die subtilen Federzeichnungen 
geben völlig den Eindruck der ausgeführten Spitze in allen Kreisen der Tonabstufung 
durch dünnere und dichtere Fadenstellungen. 
Mannigfaltig ist die ornamentale Welt dieser Entwürfe. Das Floreale, Vegetative 
herrscht vor. Mit sicherer I-Iand wird das Gewirr verstrickter, verflochtener Schlingpiianzen, 
durch deren üppiges Durcheinanderspriessen noch halmiges Blattwerk sich ringelt und 
züngelt, rhythmisch gegliedert, so dass sich ein reich und vielfältig nuanciertes Fadentili- 
gran daraus ergibt. In strengerer Stilisierung, mehr im Geist der alten klassischen Spitzen 
ziehen sich auf einem andern Entwurf palmettenartige Bordürenranken über einen 
Spitzensaum in unendlichen Voluten, eine aus der andern wachsend. 
Fächerförmige Gebilde mit stark gesponnenen Rändern heben sich reliefartig aus 
dem Schleiergrund, und als Füllung spannt sich zwischen ihnen feines Spinnennetzgewebe. 
Auch das reine Linearornament des verschlungenen und verschleiften Bandwerks 
wird freispielend angewendet. 
Die schlicht sich gebenden Motive der guirlandenartig hängenden Weinranken mit 
herabschwebenden Traubenbündeln erreichen dankbare Wirkung. 
Und schliesslich stellen sich zum Linien- und zum Pflanzenornament noch Motive aus 
einem ganz andern Bereich ein, aus den Haeckelschen Kunstformen der Natur. Zu Vor- 
bildem wird die unregelmässig gezackte Gestalt der Seesterne genommen, die mit der 
lebendigen Bewegung ihrer Ausstrahlung und mit ihrer furchigen schrafiierten Struktur 
sich gut für die flüssige bewegliche Spitzentechnik und für die Ausdrucksmöglichkeit des 
Fadengespinstes eignet. 
Sehr anregend ist die Ausstellung der Sitzmöbel, die soeben im Lichthof des Kunst- 
gewerbemuseums, von Dr. Swarzenski inszeniert, eröEnet wurde. Sie gibt einen guten 
Überblick über die Metamorphose der Stühle in ihren mannigfachen Wandlungen und sie 
bietet Besonderes dadurch, dass sie neben den Museumsstücken viel Objekte aus Privat- 
besitz heranzieht und so das Familienmobiliar der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts gut 
illustriert. Vom Chorgestühl des XIII. ]ahrhunderts mit seinen geschnitzten Tieren, dem 
Adler und der Taube mit den Spruchband bis zu den modernen Wiener Korbmöbeln geht 
der Weg. 
Beobachtungen nach den verschiedensten Gesichtspunkten kann man auf ihm 
ansstellen. Besonders fesselnd ist es, die Wandlungen eines Typus, zum Beispiel des 
I-Iockers durch die historischen Stilperioden zu verfolgen. 
In deutscherFrühzeit sind die Hocker rein konstruktiv als Holzbau errichtet. Entweder 
eine Pfostenkomposition aus dreieckig gestellten derben Rundhölzern mit verbindenden 
Seiten- und Querstegen und dem wie ein Deckel daraufliegenden Sitzbrett. Durch das 
weiterführen der Beinpfosten über den Sitz und deren Stegverbindung entsteht dann der 
sehr bekannte dreieckige Arrnlehnstuhl, der der typische, niederdeutsche und englische 
Bauemstuhl wird, alle Stile überdauert und in unserer Zeit durch die organische Anpassung 
seiner Sitz- und Stützlinien an den Umriss des sitzenden Menschen neue Beachtung und 
Gunst gewann. Daneben der andere Typus des I-Iockers, nicht aus Pfosten sondern aus 
Brettern gefügt, kastenmässig, vier Stützbretter und das daraufliegende Brett. Diese 
Brettkonstruktion, die eigentlich die primitivste Art der Tischlerarbeit darstellt, über- 
nahm die Renaissance, weil sie im Gegensatz zur Pfostenarchitektur für Schmuck und 
Ornament das weiteste Feld bot. Die Renaissancehocker und die aus ihnen durch Ver-
	        

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