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Volltext: Monatszeitschrift VII (1904 / Heft 10)

England ist für jenen Komfortstil wichtiger als Frankreich. Und besonders sind es 
die mit dem Namen Chippendale und Sheraton verbundenen Stühle, die diese neue 
menschlichere Möbelrichtungbezeichnen. Aus diesen Familien und der ihnen entstammen- 
den Descendentenreihe, die in dern alten Hamburg reiche Vertretung hat, gibt die Aus- 
stellung grosse Auswahl. Man bewundert an diesen Stühlen, wie sich Sachlichkeit mit 
Anmut vereint, wie konstruktive Logik ohne jede Nüchternheit wirken kann. Der Sitz ist 
tief und bequem und verbreitert sich, der Linie des Sitzenden entsprechend, nach vom. 
Sitz und Beine, ob sie nun gebogen oder geradlinig sind, fügen sich organisch 
ineinander. Die Rückenlehne zeigt weiche Führungen und das l-lolzdurchbruchwerk, das 
sie füllt, entzückt durch die phantasievolle Vignettenkunst der Verschleifungen, des Oesen- 
und Bandwerks, das bei aller Schmuckfreude stets seine Grenzen wahrt, immer glatte 
Fläche bleibt und dem Rücken nie unbequem wird. 
Von späteren Stühlen sind es vorzüglich die von 1820 und 1830, die unseren heutigen 
Anregung gegeben. Und zwar jene charakteristische Art, die den Rücken nicht flach 
gerade hält, sondern ihn aushöhlt zu einer konkaven, den Körper des Sitzenden umhüllenden 
Mulde. Diese Formulierung geschieht bei Polstermöbeln durch den ganzen geschlossenen 
Rückenteil. Bei l-lolzstühlen besorgt diese Funktion die wagrechte Abschlussleiste der 
Hinterlehne, sie biegt sich an den beiden Enden um und umfängt die Schultern des Sitzenden. 
Dies alte Motiv, das gut die Ruhe und Sicherheit geborgenen sich Einnistens 
ausdrückt, wurde modern variiert durch Stühle van der Veldes, dessen neue Sitze die 
grossgeführten Umbuchtungen betonen, durch jüngere Formulierungen der „gebogenen 
Möbel" Wiener Herkunft, durch Modelle Riemerschmieds, Grenanders und Otto 
Eckmanns. ' 
Das bürgerliche Sitzmobiliar der Zwanziger- und Dreissigerjahre, das heute für uns 
solch frisches Interesse hat, ist gerade in dieser Ausstellung durch selten reichhaltiges 
Material vertreten. Max Liebermanns Privatbesitz steuerte viel dazu bei. Manche dieser 
Stühle erscheinen mit ihrem „GefühlsornamenW, den Medaillons, Guirlanden, der bron- 
zenen Flammenurnen, den schmachtenden Blumenkränzen der Tapisserien nur kurios, als 
Kulturpikanterien in ihren Reizen des Echo du temps passe. Bei andern aber bewundert 
man nachdenklich, wie sie in ihrer Weise durchaus konstruktiv sind, alle Funktionen 
ihrer Glieder deutlich zum Ausdruck bringen, die Kurven des Sitzens durch ihre Profil- 
führung malen und dabei nie kalt, hölzern oder abstrakt erscheinen. 
An einem Stuhl Liebermanns von 1800 lässt sich das gut erläutern. Es ist ein tiefer 
Lehnsessel, der von Bequemlichkeit spricht. Sein Sitz senkt sich tief nach hinten, der 
weich gebogene Rücken fängt den Hineingleitenden sanft auf. Die Hinterbeine, die natür- 
lich kürzer sind als die vorderen, sind leicht gebogen, im Gegensatz zu den vorderen 
geraden. Dadurch bekommt der ganze Bau etwas Wiegendes, er ruht auf diesen Stützen 
leicht schwebend wie ein Wagenkorb auf seinen Federn. 
Und die gestreckten und gedehnten Tendenzen dieses Stuhles sprechen sich noch 
in den Armlehnen aus die weitausholend sich als wellige Schlangenlinien vom Sitz zur 
Rückenlinie wölben. Der Rhythmus des Auflösens ist in diesen Linien. 
Und das alles ergibt sich einfach und selbstverständlich, scheinbar unbewusst, ohne 
programmatische Prinzipien zu verkündigen. 
Dagegen fallt oft die Konstruktionsproklamierung an modernen Stühlen wie eine 
Indiskretion auf. Sie tragen ihre Reissbrettberechnung an der Stirne, sie renommieren mit 
ihrer Exempelgerechtigkeit, wenn sie mit Streberpfeilern und Stützen, mit einem förmlichen 
Gerüstwerk das Tragen und Lasten demonstrieren. Und wenn man den Renaissance- 
stühlen sagen kann, dass ihnen die Heraldik und die Emblematik die Hauptsache ist, so 
kann man diesen mit ebensoviel Recht vorwerfen, das ihnen die Mathematik höchstes 
Heil bedeute. Aufdringlich und unterstrichen finde ich es auch, wenn zum Beispiel Pankok, 
um die Bequemlichkeit seines Stuhles anzupreisen, die ausgerundeten Holziiächeu so 
behandelt, als habe der Körper sich in sie wie in ein Kissen hineingesenkt.
	        

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