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fullscreen: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 94)

WIENER AUSSTELLUNGEN: 
FESTWOCHENNACHLESE 1967 UND 
SOMMERPROGRAMM 
Museum des 20. Jahrhunderts: Kinetika 
Seit Jahren zählt kinetische Kunst - 
bewegliche Skulpturen. Reliefs, rotie- 
rende Scheiben, sich verändernde Bil- 
der. Lichtobjekte und ähnliches - 
ebenso wie Op-Art (optical art). Hard- 
Edge und die freilich nur zum Teil 
wirklich neuen Tendenzen geometri- 
scher Abstraktion zum künstlerischen 
Alltag großer internationaler Ausstel- 
lungen und mehr oder minder avant- 
gardistischer ausländischer Galerien. 
Eine stets beträchtlich hinter der inter- 
nationalen Entwicklung (und Mode) 
zurückbleibende Stadt wie Wien mußte 
freilich Jahre warten. um sich endlich 
mit einer repräsentativen und hoch- 
interessanten Ausstellung kinetischer 
Kunst. wie sie bis Mitte Oktober im 
Museum des 20. Jahrhunderts statt- 
findet. ein Mitspracherecht in der Aus- 
einandersetzung mit diesen vielfach 
unterschätzten künstlerischen Strömun- 
gen der Gegenwart zu sichern. 
Die in Zusammenarbeit mit der Pariser 
Galerie Denise Rene und der (op) an 
Galerie EBlingen gezeigte Sommer- 
Ausstellung im Schweizergarten-Mu- 
seum umfaßt mehr als hundert Ex- 
ponate. ausgehend von vergleichsweise 
konventionellen Bildern geometrischer 
Manier bis zu Mobiles und beweglichen 
Skulpturen. die in der Regel in ver- 
dunkelten Kojen Aufstellung fanden. 
Ebenso wie Mini-Art. die in einem Vor- 
trag von Manfred de la Motte anläBlich 
des 13. Internationalen Kunstgesprächs 
der Galerie nächst St. Stephan aus- 
führlich behandelt wurde. erweitert 
auch die kinetische Kunst unseren 
fälschlicherweise nur allzu statisch auf- 
gefaßten Begriff von Kunst und fordert 
im einzelnen zu einem in gleicher Weise 
notwendigen wie nützlichen Umdenken 
heraus. Ein geringschätziges pauschales 
Aburteilen in Richtung ..Spielereien" 
(deswegen soll nicht bestritten werden. 
daß kinetische Kunst vielfach eine ent- 
schieden spielerische Komponente auf- 
weist). wie es selbst in Kollegenkreisen 
anläßlich der Eröffnung der Ausstellung 
im Museum des 20. Jahrhunderts zu 
hören war. ist jedoch der denkbar 
ungeeignetste Weg. sich mit der Materie 
auseinanderzusetzen. Die Exponate. die 
Werner Hofmann für die abwechs- 
lungsreiche. lebendige Schau zusam- 
mentrug. sind im besten Sinne des 
Wortes international. berücksichtigen 
aber auch das - hierzulande kaum 
beachtete - Schaffen österreichischer 
Künstler wie Marc Adrian. Lilly Green- 
ham. Richard Kriesche, Hermann Pai- 
nitz. Wichmann und Helga Philipp. 
Julio le Parc, der auf der vorjährigen 
Biennale von Venedig mit dem Großen 
Preis für Malerei ausgezeichnet worden 
war. ist mit nicht weniger als fünf 
Exponaten vertreten. der Pariser Nico- 
las Schoeffer, einer der führenden 
Kinetiker, mit zwei seiner besonders 
grazilen. ästhetisch reizvollen Licht- 
skulpturen sowie einer weiteren stati- 
schen Arbeit. Die mit Abstand besten 
Bilder der sehr weit gesteckten Aus- 
stellung stammen von Viktor Vasarely 
(der Rezensent kann sich nicht er- 
innern. ein beeindruckenderes. farbig 
schöneres Bild serieller geometrischer 
Abstraktion in' Wiener Ausstellungen 
gesehen zu haben als Vasarelys "Kezdi 
Il"). von dem auch mehrere Siebdrucke 
ausgewählt wurden (Abb.1. 2). 
50 
Albertina: Meisterzelctinungen 
Es ist in der Albertina schon Tradition, 
während der Sommermonate. in denen 
der Studiensaal geschlossen ist. aus- 
gewählte Originalzeichnungen aus eige- 
nen Beständen in Form ad hoc zusam- 
mengestellter Sonderausstellungen zu 
zeigen. Der Überblick. den die dies- 
jährige, von Dr. Nara Keil zusammen- 
gestellte Sommerausstellung bietet. um- 
faßt in chronologischer Abfolge Hand- 
zeichnungen vom 15. Jahrhundert bis 
zum dritten Jahrzehnt des 20. Jahr- 
hunderts. Die einzigartige Qualität des 
Gebotenen beweist einmal mehr den 
Weltrang der Sammlung. die so reich 
an Spitzenwerken ist. daß sie es sich 
leisten kann, jedes Jahr neue. in den 
vorhergegangenen Veranstaltungen die- 
ser Folge noch nicht gezeigte Blätter 
auszustellen. 
Durchweg sind es wieder große und 
bekannte Namen, denen man diesmal 
in der ..Alten Albertina" begegnet: 
Albrecht Dürer. der mit insgesamt 
11 Arbeiten vertreten ist. darunter dem 
"Großen Rasenstück". der "Blaurake" 
und der grandiosen aquarellierten 
Zeichnung ,.Maria mit den vielen 
Tieren"; Hieronymus Bosch. Michel- 
angelo, Raffael, Tizian. Jacques Callot. 
Rembrandt (von ihm sieht man u. a. 
..Das Mühlctien" und "Die Parabel 
vom unwürdigen Hochzeitsgast"). Pisa- 
nello. Paul Trager und viele andere 
deutsche. italienische. niederländische 
und französische Meister, die anzufüh- 
ren der Platz nicht zuläßt. 
Sehr interessant und aufschlußreich. 
doch nicht von derselben allerersten 
Qualität wie die knapp zuvor ebenfalls 
in der Albertina ausgestellten Zeich- 
nungen des 19. und 20. Jahrhunderts 
aus dem Museum der Schönen Künste 
in Budapest sind die Albertina-Bestände 
an Blättern der Moderne. die für diese 
Auswahl herangezogen wurden. Wäh- 
rend Nolde und Marc nur mit durch- 
schnittlichen Arbeiten repräsentiert wer- 
den. entziehen sich freilich eine klein- 
formatige. feine Schwarzweißzeichnung 
von Klee („Hartes Gesetz", 1914). ein 
prächtiges Aquarell von Kandinsky. 
Cezannes "Mont St-Victoire" (um 1885), 
eine Studie Klimts. eine Skizze Gau- 
guins und ein ausdrucksstarkes, faszi- 
nierendes Porträt Egon Schieles (..Die 
Gattin des Künstlers". 1917) jeder ab- 
wertenden Kritik. Einziger Wermuts- 
tropfen der Ausstellung: das Fehlen 
eines Kataloges (Abb. 3. 4). 
Masuo 
Internationaler Künstlerclub: 
lkeda 
1964 gelang es dem Internationalen 
Künstlerclub. eine Ausstellung des Bien- 
nalepreisträgers von Venedig. Robert 
Rauschenberg. in Wien zu veranstalten. 
Rauschenbergs Illustrationen zu Dantes 
..lnferno" standen damals für Wochen 
im Mittelpunkt des Interesses jener. die 
- mit Recht- am Wiener Ausstellungs- 
betrieb immer wieder kritisieren. daB 
er viel zuwenig international orientiert 
sei und nur selten etwas ohne Ver- 
spätung bringe. Was die Regel ist. 
kann jedoch nicht immer die positive 
Ausnahme verhindern. Bevor noch auf 
der venezianischen Biennale des Vor- 
jahres der Große Preis für Graphik 
vergeben worden war. gelang es der 
Leiterin des Künstlerclubs. lnge Zimmer- 
Lehmann. jenen Mann für eine Kollek- 
tive in Wien zu gewinnen. der nicht 
nur von den damals dabeigewesenen 
österreichischen Kritikern als erster 
Anwärter auf den Großen Preis für 
Graphik favorisiert wurde. sondern 
kurz darauf von der internationalen 
Jury die begehrte Auszeichnung auch 
tatsächlich verliehen bekam: Masuo 
lkeda. 
Die Einzelschau des inzwischen welt- 
bekannt gewordenen. zur ersten Garni- 
tur zeitgenössischer Graphiker zählen- 
den Künstlers im lnternationalen Künst- 
lerclub (sie dauerte bis 8.Juni 1967) 
war unzweifelhaft eine der inter- 
essantesten, die man während der 
letzten Jahre in österreichischen Gale- 
rien sehen konnte. lkedas technisch 
brillanten Farbradierungen sind ein 
von Sensibilität und Aktualität getrage- 
nes. harmonisches. einfalls- und witz- 
reiches Konglomerat mit einprägsamer 
stilbildnerischer Note; prägnant und 
hart im Strich, knallig wie Pop-und 
Op-Art im erfrischenden Kolorit. lm 
formalen Selbstverständnis und Ein- 
fühlungsvermögen des Asiaten finden 
europäische und amerikanische Ten- 
denzen Ergänzung im Sinne einer ech- 
ten Synthese. 
Masuo lkeda. der 1934 in der Man- 
dschurei geborene. zur Zeit in Berlin 
lebende Künstler. schöpft aus der Viel- 
falt des gegenwärtig Möglichen und 
Aktuellen. fällt jedoch weder einer da- 
durch bedingten lnflation an Einfällen 
und bildnerischen Varianten noch auch 
der ebenso schädlichen bloßen Masche 
anheim. Seine "Masche" ist vielmehr 
das durch und durch beherrschte Wie 
seiner prägnanten Arbeiten. die im 
Betrachter eine Vielzahl an Denk- und 
Auseinandersetzungsmöglichkeiten aus- 
lösen. 
Kulturamt: Slowenische G raph ik 
Die im Rahmen der Wiener Festwochen 
stattgefundene Ausstellung slowenischer 
Druckgraphik im Kulturamt der Stadt 
Wien am Friedrich Schmidt-Platz 5 
zählte zu jenen Ereignissen am Rande. 
die mehr Beachtung verdient hätten. 
als sie de facto fanden. Die Auswahl 
besaß erste Qualität und konnte als 
repräsentativer Querschnitt durch das 
vorwiegend abstrakte bzw. abstrahie- 
rende Schaffen der führenden sloweni- 
schen Druckgraphiker gewertet wer- 
den. Neben Dzevad Hozo. der vor 
wenigen Monaten mit dem ersten Preis 
der V. Internationalen Graphikausstel- 
lung im Wiener Europahaus ausge- 
zeichnet wurde und knapp darauf auch 
einen der sieben Hauptpreise bei der 
Biennale in Laibach erhielt. und dem 
exzellenten Andrej Jemec begegnete 
man nicht weniger renommierten Na- 
men: Janez Bernik. Bogdan Borcic. 
Riko Debenjak (erfreulich seine Weiter- 
entwicklung). Vladimir Makuc. Marjan 
Pogacnik und Jaki. 
Secession: Hildegard Joos 
Parallel zur gelungenen Staudacher- 
Ausstellung in der Secession zeigte die 
Wiener Malerin Hildegard Joos in der 
Kellergalerie derselben Vereinigung 
neue Ölbilder: großformatige Medita- 
tionen einer empfindsamen Künstlerin. 
die in ihrer schlichten Schönheit und 
Ausgeglichenheit ein konsequentes und 
erfolgreiches gestalterisches Bemühen 
erkennen lassen. 
Innerhalb des klaren Entwicklungs- 
verlaufes von Hildegard Joos. die zu 
jenen zählt. die unabhängig von Moden 
und opportunistischen Uberlegungen 
das tun, was sie für richtig halten. was 
also ihrer Person und Begabung ent- 
spricht. kommt ihren neuesten Arbeiten 
beispielhafte Bedeutung im Sinn 
echten Substanzgewinnes zu. 
Die sensibel modulierten Abstra 
der abwechselnd in Paris unc 
lebenden und auch da wie dt 
schätzten Künstlerin stellen im t 
auf ihre formale und koloi 
Askese zweifellos einen Endpunl 
logisch entwickelten künstleriscl 
mühens dar. Es wäre jedoch fals 
so zu verstehen. daß bei Hildega 
fortan bloß Variationen unc 
schöpferische Leistungen im Sinr 
immer wesensgemäßeren Ge 
möglich wären. 
Die in hellen. pastellartigen 
tönen vorwiegend auf Filz um 
leinen gemalten Bilder erwec 
ähnlicher Weise wie mono 
Malerei im Betrachter die Vor 
von Weite und Ruhe. von echter 
entbehren aber auch nicht eii 
heimnisvollen.aufgeometrischen 
formen basierenden Symbolik. l 
stärker an das Gefühl und wen 
den lritellekt richtet und auch in 
Sinne verstanden werden sollte. 
Griectienbeisl: Reisichke. John. 
mann 
Die 1966 und 1967 entstandener 
der 1936 in Dresden geborenen. 
wärtig in Berlin lebenden l 
Annelise R. John erinnern zwc 
unwesentlich an grundsätzlich e 
Arbeiten des ltalieners Piero E 
doch wäre es falsch. auf Grun: 
Parallele der sensiblen Malei 
Berlinerin Eigenständigkeit uni 
nome Aussage abzusprechen. I 
R. John. die nach Worten des d: 
Kritikers Heinz Ohff den . 
Traum der Maler. mit Licht Zl 
statt mit Farben". verwirklicht. 
zugt subtile, pastellartige Töne 
gefüge und feinst nuancierte 
Überlagerungen. die sich im A 
Betrachters zu einem harmi 
.,Teppich" zusammenfügen. ZL 
zur Meditation anregenden 
ästhetisch-geistiger Auseinander 
Der durch das Symposion euro 
Bildhauer in St. Margarethen 
genland bereits bekannte B 
Erich Reischke. der ebenfalls 
Galerie in Griechenbeisl vc 
wurde. zeigt hingegen eine 
Verwandtschaft und formale Pc 
zu den Skulpturen Karl Prant 
ihm geht es in seinen zell: 
kubenarligen Gebilden und 
mationen um Ruhe und Ausge 
heit. um konzentriertes. symt 
Gestalten("Kristall". "Mäander 
ment" usw.). Reischkes Bemühei 
auf richtigen Überlegungen. zei 
und Ausdauer. müßte jedoch i 
persönlicherer Profilierung noc 
gewinnen. 
Die jüngst entstandenen Ölbilt 
Siebdrucke. die der aus Käri 
bürtige Maler Johann Fruhn 
seiner Hausgalerie ausstellte. s 
an seine Bilder aus früheren 
zwar wesensgemäß an. weist 
doch Veränderungen und Ergä 
auf. die einer echten Erweitert 
Bereicherung seiner Ausdru 
gieichkomrnen. Die mit denkbai 
Sensibilität und rhythmischem 
fühl gemalten Abstraktionen sin 
weg zentral aufgebaut. Rechts L 
von der Bildmitte treten subtil 
dergreifende dynamische Pins 
in Erscheinung, die zur Aktiviei 
Bildfläche beitragen und mit t 
meist als "Durchblick" fungi 
Bildhintergrund korrespondier
	        

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