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Volltext: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 2)

weniger hoch zu schätzen. In gewisser 
Beziehung stehen sie vielleicht sogar 
auf höherer Stufe, denn bei ihnen tritt 
die dekorative Absicht mehr oder 
weniger in den Hintergrund, um das 
rein psychologische Element vollends 
zur Geltung zu bringen. Das ganze 
Können des Künstlers wird da auf 
Kopf und Hände konzentriert und die 
Figur meistens gegen einen neutral 
gehaltenen Hintergrund ohne irgend- 
welches störende Beiwerk gezeigt. 
Das gelungenste wohl von allen 
Sargentschen Männerbildnissen ist 
das des Lord Ribblesdale, welches 
uns den idealen Typus des englischen 
Gentleman und Sportsman der alten 
Schule verführt: hochgewachsen, 
adlernasig, mit scharf geschnittenen 
Gesichtszügen, glatt rasiert, mit jener 
gesuchten Nachlässigkeit und Ver- 
achtung der I-Ierkömmlichkeit ge- 
kleidet, welche das non plus ultra 
der wahren Eleganz ist - so steht er 
vor uns; ungezwungen, natürlich, der 
ideale Repräsentant des Vollblutedel- 
mannes. 
Eine ganz andere Phase des 311g- john Singer Sargent, Lord Rihblesdale 
lischen sozialen Lebens, ein krank- 
hafter Auswuchs sozusagen, welcher den krassesten Gegensatz zu dem 
eben beschriebenen Typus bildet, spiegelt sich in dem Bildnis von 
W. Graham Robertson. Es stammt aus jener Zeit H kaum zehn Jahre 
sind seither verflossen und sie haben kaum eine Spur zurückgelassen - in 
welcher die ästhetische Pose in der Mode war. Die seltsamen Träume 
des Aubrey Beardsley, exotische Treibhauspflanzen, giftige Orchideen der 
Kunst, und die cynischen Epigramme des Oskar Wilde sind bezeichnend 
für den Charakter und ebenso raffinierten wie alfektierten Geschmack des 
Kreises, welchem Mr. Robertson angehörte. Der Jüngling mit dem abge- 
lebten Gesicht und mit der ultraeleganten Kleidung, den Sargent auf die 
Leinwand gezaubert, ist der Grundtypus des Dekadenten: Aus jeder Finger- 
spitze spricht die Absicht, schön und geistreich zu sein und A aufzufallen. 
Schön vor allen Dingen, denn schön zu sein, so sagt der Hohepriester der 
ästhetischen Offenbarung, ist wahre Kunst: geistreich kann jeder Dumm- 
kopf sein!
	        

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