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Volltext: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 2)

In der bereits erwähnten Ein- 
leitung zu dem von Mr. Heinemann 
herausgegebenen Prachtwerke äußert 
sich die Dichterin Alice Meynell 
folgendermaßen über Sargents Tech- 
nik: „Es ist nicht nötig zu erklären, 
daß Schönheit der Ausführung un- 
trennbar von aller wirklich großen 
Malerei ist, und daß jene Arbeit, 
welcher sie abgeht, nicht zur besten 
irgend einer von zwei berechtigten ' 
und gesetzmäßigen Schulen zählt: 
denn Ruskin schreibt von der Macht 
und nicht nur von der Schönheit. Die 
Ausführung des I-Iogarth ist sehr 
schön, aber seine ,Vorführung' von 
Macht der Hand ist so unterdrückt, 
daß sie manchenbewundernden Augen 
entschlüpft. Mr. Sargent ist eminent 
auf dem Gipfel einer dieser gleichen 
Höhen. Er hat in der Tat uns in der 
neuen Zeit gezeigt, wie hoch diese 
Höhe reicht - die Höhe der mani- 
festierten ,Macht der I-Iandß da doch 
die Manifestation ein wesentlicher Teil der Schönheit dieser Macht ist. Er 
gehört deshalb der Familie des Velasquez an, und zwar ist er nichts 
Geringeres als sein I-Iaupterbe." 
Das ist mit der Überschwenglichkeit der Dichterin gesprochen. Vieles 
hat ja Sargent von Valesquez geerbt, aber etwas geht ihm doch ab. Dieses 
Etwas ist das Gefühl für den Wert des Pigmentes. Seiner Farbe, seinem 
Ton fehlt das, was der Engländer als „precious" bezeichnet. Das Bild wirkt 
nur als Ganzes. Man verdecke einen Teil davon und prüfe ein bloßes Stück, 
einen Quadratfuß, zum Beispiel aus einem Kleide, und das Pigment wird seine 
ganze Bedeutung verlieren. Das ist beiVelasquez nie der Fall. Da ist die Farbe 
an sich selbst „precious" - etwas Wertvolles, selbst wenn der Zusammen- 
hang mit dem ganzen Bilde aufgelöst ist. Und für den Kunstverständigen 
wird selbst die Betrachtung eines solchen Segmentes ein Genuß sein. Und 
in dieser Beziehung steht Whistler dem Velasquez viel näher als Sargent. 
Schließlich sind es jedoch nur die Wenigen, die einKunstwerk von diesem 
analytischen Standpunkt aus betrachten. Und Sargent bietet so viel Genuß 
für das Auge, so viel Anregung für den Geist, daß man dieses rein techni- 
schen Mangels kaum gewahr wird. Auf jeden Fall ist er nicht bedeutend 
genug, um das Unvermeidliche zu verhindern: daß Sargent im goldenen 
Buche der Kunstgeschichte einen Platz einnehmen wird, wie er wohl 
keinem anderen lebenden Künstler beschieden ist. 
 
john Singer Sargenl, Coventry Patmore
	        

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