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Volltext: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 2)

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berückender Schönheit, daß man es kaum für eine bloße Bottega-Arbeit halten kann. Die 
Gesichtszüge, sowohl der schwermütig anmutigen Madonna, als des heiligen Joseph und 
Johannes des Täufers weisen entschieden auf Botticelli hin. In Botticellis „Anbetung der 
Heiligen Drei Könige" in der Uflizi-Galerie ist ein Joseph, der, obwohl er dort steht, 
während er in unserem Bilde sitzt, in der Stellung und in den Zügen große Ähnlichkeit 
aufweist. Daß das Bild nicht von Filippino Lippi ist, dessen Tondi häufig mit Botticellis 
verwechselt werden, geht aus dem Kopfe des Johannes hervor, der in Filippinos Bildern 
stets ein verwildertes, halb wahnsinniges Aussehen hat. Auch hat der Hintergrund dieser 
„Heiligen Familie" viel mit dem des Uftizi-Bildes gemein, besonders die aus viereckigen 
Blöcken aufgebaute Ruine und das auf Holzsäulen gestützte hölzerne Dach. Auf jeden Fall 
ist das Bild ein hervorragendes Beispiel der florentinischen Schule jener Zeit. P. G. K. 
ERLINER DEKORATIVE CHRONIK. Bei Wertheim sieht man eine Filiale 
der Londoner Arts and CraR-Ausstellung. Der Lyceumklub hat hier ein dekoratives 
Gastspiel englischer Künstlerinnen veranstaltet, die von Ashbee und Walter Crane ge- 
führt, mit Arbeiten aus mannigfachen Gebieten, mit Möbeln, Metallgerät, Schmucksachen, 
Kostümen, Bucheinbänden, ornamentalen Zeichnungen, Glasfenstern erscheinen. 
Walter Crane, von dem ornarnentale Zeichnungen und dekorative Märchenentwürfe 
gerahmt an den Wänden hängen, tritt hier mehr begleitend auf. Stark wirksame Anregung 
spürt man aber von der Beteiligung Ashbees. 
Das eigene Gerät, das von ihm ausgestellt ist, zeigt die charakteristische Flächen- 
behandlung dieses Künstlers. Die Wandung der Silberbecher, Schalen und Kassetten ist 
mit leichten Hammerschlägen ganz zart, fast streichelnd geklopft. Wellig vibrierend wird 
dadurch die silberne Epidermis, sie scheint sich zu strecken, es ist als ob federnde Sehnen 
über sie liefen. Eine lebendige Bewegung entsteht so auf der Metallfiäehe, die organisch, 
natürlich und beinahe kunstlos wirkt. Für diesen matten, durch die wechselnde Bewegung 
abgetönten Silberschein gewinnt sich Ashbee farbige Akzente. In die Wandungen der 
Gefäße, auf die Ränder des Untersatzes und des Deckels inkrustiert er Cabochons bunter 
Halbedelsteine. So ergibt sich ein schön abgetöntes Spiel koloristischer Mischungen 
über einem weißschimmernden silbrigen Grund. 
Zu größerer Steigerung führt Ashbee diese Instrumentation in den Gefäßen, die er 
mit Emaildekor schmückt. Ein tiefes, brennendes Leuchten strömt von ihnen aus. Ver- 
haltene Glut wogt in ihnen und wirft Reflexe über den umfassenden Rand auf die kühlen 
Silben-lachen. Besondere Proben solchen Emailfeuerzaubers kann man in dieser Aus- 
stellung sehen. 
Ovale und runde Dosen, Kassetten und viereckige Boxes für Zigaretten, die in ihren 
Leibungen jene vorher charakterisierte, vibrierende, weich federnde Bewegung zeigen, 
tragen oben auf der Schlußklappe Emailzierat. Darstellerisch ist es, einmal ein Schilf auf 
den Wellen, eine Waldlandschaft, ein Adler. Aber diese Emailmalerei ist natürlich nicht 
stofilich gemeint, sie ist farbige Instrumentation. Das mastenreiche Segelschiff in 
schwimmenden, an Alt-Delft erinnernden, blauen Tönen; die Waldstimmung grün-braun- 
golden, voll iiammender Sonnenuntergangsglut, der Adler in seinem heraldischen chan- 
gierenden Gefiederfacherspiel - sie alle geben einen rauschenden Farbenakkord, der seine 
klingenden Wellen über die Silberfläche strömen läßt, gleich Meerleuchten. 
Im Schmuck, den Halsketten und Ringen, bevorzugt Ashbee das Rustikale, ja man 
könnte sagen das Ethnographische. An Stücke aus Volkstrachtenmuseen wird man 
manchmal erinnert, an altes Bauernschatzzeug norwegischen Stammes. Massig sind die 
Silberschließen, die Kettengehänge, die iigürlich geschnittenen Faustringe. 
In den hier ausgestellten Schmucksachen aus der Gruppe, die Ashbee nahe steht, 
überwiegt ein zarteres Element. Material ist Silber, Stein und Email. Bemerkenswert sind 
manche Halsketten, in denen die schön geschnittenen Glieder von besonders ausgesuchten, 
interessant und wechselnd gefleckten I-lalbedelsteinen unterbrochen werden und die als
	        

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